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Braucht es heute noch einen Herrn Quast?

Benno Vorberg - Weblog Kinderbuch-Autor
Die Herr Quast Bücher - Benno Vorberg

Als ich Herrn Quast erfand, wollte ich keine nostalgische Figur schaffen. Er sollte nicht für eine vermeintlich bessere Vergangenheit stehen, nicht für alte Schulordnung und auch nicht für den erhobenen Zeigefinger eines Erwachsenen, der Kindern erklärt, wie sie sprechen sollen.

Herr Quast entstand aus einer anderen Frage:

Was geschieht, wenn Wörter zwar noch vorhanden sind, aber ihre Bedeutung verlieren?

Wir leben in einer Zeit, in der ständig gesprochen, geschrieben und gesendet wird. Kinder begegnen Sprache überall: in Büchern, Nachrichten, Chats, Videos, Spielen und kurzen Kommentaren. Wörter sind zahlreich vorhanden. Trotzdem habe ich manchmal den Eindruck, dass ihnen weniger Zeit bleibt.

Sie sollen sofort wirken, schnell verstanden werden und möglichst wenig Raum beanspruchen. Ein Gefühl wird mit einem Symbol beantwortet. Ein Gedanke wird verkürzt, bevor er zu Ende gedacht ist. Ein komplizierter Zustand wird in gut oder schlecht, richtig oder falsch eingeteilt.

Herr Quast widersetzt sich dieser Vereinfachung.

Herr Quast bewahrt keine alten Wörter

Man könnte ihn leicht für einen Sammler halten. Für jemanden, der seltene Begriffe aufbewahrt und vor dem Vergessen schützt.

Das wäre mir zu wenig.

Herr Quast bewahrt nicht Wörter, weil sie alt, schön oder ungewöhnlich sind. Er interessiert sich dafür, was mit Menschen geschieht, wenn ihnen die passenden Wörter fehlen.

Ein Kind, das nur sagen kann, dass etwas „blöd“ ist, empfindet vielleicht Wut, Enttäuschung, Kränkung, Scham oder Einsamkeit. Das Wort ist nicht falsch. Aber es ist möglicherweise zu klein für das, was in diesem Kind vorgeht.

Je genauer wir etwas benennen können, desto eher können wir es verstehen. Sprache hilft uns nicht nur, anderen etwas mitzuteilen. Sie hilft uns auch, uns selbst zu erkennen.

Dafür steht Herr Quast.

Er erklärt nicht, er macht sichtbar

Herr Quast ist kein Lehrer im üblichen Sinn. Er hält keine Vorträge über richtigen Sprachgebrauch. Er korrigiert Kinder nicht, um seine Überlegenheit zu zeigen.

Er führt sie an Orte, an denen etwas sichtbar wird.

In seinem Fundbüro liegen verlorene Wörter nicht einfach herum wie vergessene Handschuhe. Sie erzählen von Menschen, die sie nicht mehr benutzen konnten, nicht benutzen wollten oder nie gelernt haben, sie auszusprechen.

Herr Quast liefert selten eine fertige Antwort. Er stellt Fragen, öffnet Schubladen und überlässt Kindern einen Teil der Entdeckung.

Das ist mir wichtig.

Kinder müssen nicht vor jedem schwierigen Gedanken geschützt werden. Sie benötigen Erwachsene, die ihnen etwas zutrauen. Herr Quast nimmt Kinder ernst, weil er ihnen nicht jede Deutung abnimmt.

Sprache verändert die Wirklichkeit

Wörter beschreiben die Welt nicht nur. Sie beeinflussen auch, wie wir sie wahrnehmen.

Wer etwas nicht benennen kann, bemerkt es möglicherweise später. Wer nur grobe Begriffe besitzt, erkennt weniger Unterschiede. Wer dagegen viele Wörter kennt, kann genauer beobachten: bei sich selbst, bei anderen Menschen und in seiner Umgebung.

Das bedeutet nicht, dass jedes Kind möglichst kompliziert sprechen soll. Sprache ist kein Wettbewerb. Es geht nicht darum, mit seltenen Begriffen zu beeindrucken.

Es geht um Genauigkeit.

Zwischen Angst und Vorsicht besteht ein Unterschied. Zwischen Alleinsein und Einsamkeit ebenfalls. Auch Schweigen kann Zustimmung, Unsicherheit, Widerstand oder Rücksicht bedeuten.

Herr Quast interessiert sich für diese Zwischenräume. Dort beginnen seine Geschichten.

Ein Gegenspieler der schnellen Urteile

Unsere Gegenwart verlangt häufig sofortige Reaktionen. Menschen werden nach einzelnen Sätzen beurteilt, Erlebnisse in wenigen Worten zusammengefasst, komplizierte Zusammenhänge auf eindeutige Positionen reduziert.

Auch Kinder lernen früh, dass schnelle Antworten Aufmerksamkeit erhalten.

Herr Quast ist langsam, ohne schwerfällig zu sein. Er hört hin. Er fragt nach. Er misstraut dem ersten Eindruck.

Damit steht er für etwas, das heute vielleicht wichtiger ist als je zuvor: die Bereitschaft, einen Menschen nicht auf einen Satz, ein Wort oder einen Fehler festzulegen.

In meinen Geschichten können Kinder etwas Falsches sagen und trotzdem etwas Richtiges meinen. Sie können schweigen, obwohl sie sprechen möchten. Sie können mutig handeln und gleichzeitig Angst haben.

Für solche Widersprüche braucht es mehr als schnelle Urteile. Es braucht Sprache, Geduld und Aufmerksamkeit.

Herr Quast ist kein Held

Herr Quast rettet die Welt nicht. Er besiegt auch nicht jedes Problem.

Das soll er gar nicht.

Er kann niemandem die Verantwortung abnehmen. Er kann aber zeigen, wo etwas verlorengegangen ist. Er kann eine Tür öffnen, einen Hinweis geben oder ein Wort zurückbringen, das ein Kind dringend benötigt.

Seine Stärke liegt nicht in Macht, sondern in Aufmerksamkeit.

Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich ihn gern schreibe. Herr Quast ist kein Held, der vor allen anderen weiß, was richtig ist. Er ist ein Begleiter. Manchmal wirkt es sogar so, als müsse auch er erst herausfinden, was geschehen ist.

Dadurch bleibt er für mich lebendig.

Braucht es Herrn Quast heute?

Ich glaube: ja.

Nicht als Sprachwächter. Nicht als Gegner moderner Ausdrucksformen. Und schon gar nicht als Figur, die Kindern erklärt, dass früher alles besser gewesen sei.

Es braucht ihn als Erinnerung daran, dass Wörter Gewicht besitzen.

Dass ein genauer Satz einen Streit verändern kann. Dass ein vergessenes Wort manchmal ein vergessenes Gefühl enthält. Dass Sprache verletzen, aber auch schützen kann. Und dass Kinder mehr verstehen, wenn wir ihnen mehr zutrauen.

Herr Quast bewahrt nicht die Vergangenheit.

Er bewahrt die Möglichkeit, genauer zu denken, genauer zu fühlen und genauer miteinander zu sprechen.

Darin liegt für mich seine Bedeutung.