
„Die Bibliothek der ungelebten Geschichten“ ist ein sprachstarkes, warmherziges und magisches Kinderbuch von Benno Vorberg für Kinder ab etwa 8 Jahren, zum Selberlesen und Vorlesen in der Grundschule.
Nach den Weihnachtsferien bringt Amelie eine Geschichte mit in die Klasse: ein geheimnisvolles Haus am See, ein verbotener Raum, ein Fuchs mit Glasaugen und eine Truhe, die unbedingt geöffnet werden will. Alle hören gebannt zu.
Doch Mila spürt, dass an dieser Geschichte etwas nicht stimmt. Nicht, weil sie erfunden ist. Sondern weil manche Geschichten so sehr glänzen, dass sie etwas anderes verdecken.
Audio-Buchbesprechung zu: „Die Bibliothek der ungelebten Geschichten“
Als Mila und ihre Freunde auf eine seltsame Bibliothek stoßen, merken sie schnell, dass dort etwas anders ist als in gewöhnlichen Bücherregalen. Zwischen den Seiten liegen nicht nur erfundene Abenteuer. Dort sammeln sich Geschichten, die nie begonnen wurden, Entscheidungen, die niemand getroffen hat, und Gedanken, die aus Angst oder Unsicherheit wieder verschwunden sind.
Doch die Bibliothek ist nicht verlassen.
Zwischen hohen Regalen, stillen Gängen und Büchern, die sich manchmal anders verhalten, als Bücher es gewöhnlich tun, begegnen die Kinder geheimnisvollen Gestalten. Manche wollen helfen. Andere scheinen verhindern zu wollen, dass bestimmte Geschichten jemals ans Licht kommen.
Bald müssen Mila und ihre Freunde herausfinden, warum immer mehr Seiten leer bleiben und weshalb ausgerechnet jene Geschichten bedroht sind, die Mut, Fantasie und eine eigene Stimme brauchen. Dabei entdecken sie, dass nicht jede ungelebte Geschichte verloren ist – und dass manchmal schon ein einziger Mensch genügt, der bereit ist, ihr zuzuhören.
Die Bibliothek der ungelebten Geschichten ist ein fantasievolles und sprachstarkes Kinderbuch über Freundschaft, Selbstvertrauen und die Frage, welche Geschichten in uns entstehen, wenn wir uns trauen, ihnen Raum zu geben.
Eine warmherzige Geschichte zum Selberlesen und Vorlesen für Kinder ab etwa acht Jahren – für alle, die Bücher lieben und ahnen, dass zwischen ihren Seiten manchmal mehr verborgen liegt als nur Worte.

Leseprobe:
Mila behielt den Papierfetzen den ganzen Heimweg in der Tasche.
Er war kaum größer als ein Bonbonpapier, aber er fühlte sich schwer an. Nicht schwer wie ein Stein, eher wie ein Satz, den man nicht aussprechen möchte, weil er dann im Zimmer steht und einen ansieht. Immer wieder spürte Mila ihn durch den Stoff ihrer Jacke, und jedes Mal sah sie die Worte wieder vor sich.
Die wahre Geschichte ist zu klein.
Darunter hatte gestanden:
Hilf ihr, größer zu werden.
Sie hatte den Zettel nicht Ben gegeben, obwohl Ben ihn bestimmt untersucht hätte, erst gegen das Licht, dann mit seinen Fingern, dann mit einer seiner Fragen, die so lange an einer Sache rüttelten, bis sie entweder aufging oder beleidigt schwieg. Sie hatte ihn auch Jonna nicht gezeigt. Gerade Jonna nicht. Jonna verteidigte Amelie im Moment auf eine Weise, die Mila verstand und die sie trotzdem ärgerte. Sie wollte nicht, dass Mila Amelie verdächtigte. Mila wollte das auch nicht. Wirklich nicht. Aber etwas an Amelies Feriengeschichte war nicht nur schön. Es war hungrig.
Zu Hause war Mama früher da als sonst. Der Laptop stand auf dem Küchentisch, aber er war zugeklappt. Das fiel Mila sofort auf. Seit dem Fundbüro achtete sie auf solche Dinge: geschlossene Laptops, offene Türen, Sätze, die ein wenig anders standen als gestern.
„Na?“, fragte Mama. „Erster Schultag nach den Ferien überlebt?“
„Es war schon der zweite.“
Mama dachte kurz nach. „Stimmt. Dann hast du sogar zwei überlebt.“
Mila hängte ihre Jacke an den Haken. Der Papierfetzen knisterte in der Tasche, als wolle er sich bemerkbar machen. Mama stellte zwei Tassen auf den Tisch und fragte, ob Mila Kakao wolle. Mila sagte ja, und das Wort passte. Es war nicht groß, aber warm.
Auf dem Tisch lag ein Zettel von Mama. Darauf standen mehrere Wörter, durchgestrichen, neu geschrieben, wieder durchgestrichen. Mila erkannte Zeit, Pause, wirklich zuhören und nicht nur nebenbei. Mama hatte offenbar an ihrem eigenen Wörterheft weitergearbeitet, nur ohne Heft.
„Schreibst du?“, fragte Mila.
Mama sah auf den Zettel. „Ich versuche es.“
„Was?“
„Einen Brief an Oma. Also eigentlich nur eine Nachricht. Aber ich will nicht wieder nur schreiben: Alles gut bei uns.“
Mila sah sie an.
Mama lächelte schief. „Alles gut ist manchmal ein sehr müdes Wortpaar.“
Das hätte Herr Quast gefallen.
Mila zog die Tasse näher. Der Kakao dampfte, und obenauf bildete sich eine dünne glänzende Haut. Mila mochte das nicht besonders, aber sie mochte, dass Mama sich daran erinnerte, den Kakao nicht zu heiß zu machen.
„Mama?“
„Hm?“
„Ist es schlimm, wenn man eine Geschichte erfindet?“
Mama rührte nicht weiter. Sie ließ den Löffel in der Tasse stehen und sah Mila nicht sofort an, sondern erst auf den Kakao, als müsse auch sie nach dem richtigen Anfang suchen.
„Kommt darauf an“, sagte sie.
Das war eine gute Antwort. Keine schnelle.
„Worauf?“
Mama setzte sich Mila gegenüber. „Ob alle wissen, dass sie erfunden ist. Und warum man sie erzählt.“
Mila wartete.
Mama strich mit dem Finger über den Rand ihrer Tasse. „Wenn du erzählst, dass in deinem Schrank ein kleiner Bär wohnt, der nachts deine Socken sortiert, dann ist das eine Geschichte. Wenn du erzählst, du warst in den Ferien in Paris, obwohl du hier warst, dann ist es etwas anderes.“
„Auch, wenn Paris schöner klingt?“
„Gerade dann vielleicht.“
Mila sah auf den Kakao. „Warum?“
Mama überlegte. Mila mochte es, wenn Erwachsene nicht sofort wussten, was sie sagen wollten. Das machte ihre Antwort weniger glatt.
„Weil du dann vielleicht nicht mehr erzählst, um zu spielen“, sagte Mama. „Sondern um dich zu verstecken.“
Der Papierfetzen in Milas Tasche wurde warm. Mila hielt sehr still.
Mama merkte es. „Ist das in der Schule passiert?“
„Vielleicht.“
Mama nickte langsam. Sie fragte nicht nach Namen. Das war gut.
„Dann pass auf“, sagte sie, „dass du niemandem die erfundene Geschichte wegnimmst, bevor du weißt, wovor sie schützt.“
Mila sah auf. Der Satz war groß, aber er stellte sich nicht auf die Zehenspitzen. Er blieb am Tisch sitzen, zwischen Kakao, Zettel und dem zugeklappten Laptopdeckel.
Mama nahm einen Schluck und verzog das Gesicht, weil der Kakao doch noch zu heiß war.
„Das war ein ziemlich guter Satz“, sagte Mila.
„Findest du?“
„Ja.“
„Dann schreibe ich ihn lieber nicht Oma. Die hält mich sonst für anstrengend.“
Mila musste lachen. Es tat gut, zu lachen. Nicht über Amelie, nicht über die Schule, nicht über das Haus am See. Nur über Mama mit zu heißem Kakao und einem Satz, der zu groß für eine Nachricht an Oma war.
Am Abend legte Mila den Papierfetzen in ihr Wörterheft. Sie klebte ihn nicht fest. Er sollte wieder herausgenommen werden können. Manche Dinge durfte man nicht zu früh einkleben. Darunter schrieb sie:
Eine Geschichte kann ein Spiel sein. Eine Geschichte kann ein Versteck sein. Woran merkt man den Unterschied?
Die Seite blieb still. Keine fremde Schrift erschien, kein Rascheln kam aus dem Heft. Mila war fast enttäuscht. Erst kurz bevor sie das Licht löschte, bewegte sich der Papierfetzen. Nur wenig, gerade so, dass sich eine Ecke hob. Darunter stand zwei kleine aber schwere Wörter in der leisen Schrift der Bibliothekarin:
am Gewicht
Mila las sie ein paar Mal.
Dann schlief sie schlecht. Nicht schrecklich, nicht mit Albträumen, eher mit Träumen, die nicht wussten, ob sie schön sein wollten oder unheimlich. Sie träumte von einem Haus am See. Die Fenster leuchteten. Im oberen Zimmer stand ein Fuchs, der eine Laterne im Maul hielt. Er sah Mila an und schüttelte langsam den Kopf. Hinter dem Haus war keine Landschaft. Nur Papier.
Am nächsten Morgen war Amelie nicht in der Schule.
Jonna bemerkte es zuerst. Sie sah immer wieder zur Tür, auch als Frau Lenz längst begonnen hatte. Amelies Platz blieb leer, und ihr Stuhl stand ein wenig schräg, als sei er überrascht, allein zu sein.
„Sie ist krank“, sagte Jonna in der Frühstückspause.
„Vielleicht“, sagte Mila.
Jonna sah sie an. „Was soll das heißen?“
Mila bereute das Wort sofort. „Nur vielleicht.“
Jonna klappte ihre Brotdose zu. „Du machst das schon wieder.“
„Was?“
„So tun, als wüsstest du mehr.“
Das stimmte und stimmte nicht. Mila wusste nicht mehr. Sie hatte nur mehr gesehen. Das war etwas anderes und half ihr überhaupt nicht.
Ben saß neben ihnen und zerlegte eine Mandarine. „Es kann sein, dass Amelie krank ist. Es kann auch sein, dass ihre Geschichte krank ist. Das eine schließt das andere nicht aus.“
Jonna starrte ihn an. „Danke, Ben.“
„Bitte.“
„Das war nicht als Lob gemeint.“
„Ich weiß.“
