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Es wird Zeit mich wieder zu melden – Frida besteht auf einer Erklärung

Benno Vorberg - Weblog Kinderbuch-Autor

Es ist eine ganze Weile her, seit ich mich an dieser Stelle zuletzt gemeldet habe. Dafür möchte ich mich entschuldigen. Nicht mit einer jener Entschuldigungen, die eigentlich nur verkleidete Ausreden sind und ungefähr so beginnen: „Leider war es mir aufgrund zahlreicher wichtiger Verpflichtungen nicht möglich …“ Frida würde einen solchen Satz vermutlich schon nach der Hälfte unterbrechen.

„Was waren das für Verpflichtungen?“

„Ich habe gearbeitet.“

„Woran?“

„An deiner Geschichte.“

„Dann war es doch möglich.“

Damit wäre die Sache für sie geklärt und für mich erheblich komplizierter.

Der eigentliche Grund für die längere Stille ist nämlich mein neues Kinderbuch, das mich stärker beansprucht, als ich anfangs erwartet hatte. Darin spielen ein Mann namens Herr Munkel, ein ausgestopfter Rabe und eine erstaunlich hartnäckige Anzahl schwarzer Kerzen eine gewisse Rolle. Vor allem aber spielt Frida darin mit. Wobei „mitspielen“ nicht ganz das richtige Wort ist. Frida wirkt eher so, als habe sie das Manuskript unter vorläufige Aufsicht gestellt.

Sie ist ein Mädchen, das sehr genau hinsieht, sehr genau zuhört und noch genauer wissen möchte, was Erwachsene eigentlich meinen, wenn sie etwas sagen. Das wäre unter gewöhnlichen Umständen bereits anspruchsvoll. Bei Herrn Munkel wird es zu einer beinahe täglichen Prüfung, denn er hält sich für einen finsteren Zauberer und spricht entsprechend gern von Verderben, Finsternis, unausweichlichen Schicksalen und Dingen, die niemals rückgängig gemacht werden können.

Frida hört sich das geduldig an. Danach stellt sie eine praktische Frage.

Das ist für einen Mann wie Herrn Munkel gefährlicher als jeder Gegenzauber.

Während des Schreibens entwickelte sich deshalb zwischen Frida und mir eine Form der Zusammenarbeit, die man mit etwas gutem Willen als Verhandlung bezeichnen könnte. Ich schreibe eine Szene, Frida liest sie – zumindest stelle ich mir das so vor – und weist anschließend auf alles hin, was nicht genau genug ist.

Ein solcher Austausch könnte ungefähr so verlaufen:

„Herr Munkel betrat drohend den Raum“, lese ich vor.

Frida schüttelt den Kopf.

„Was ist?“

„Wie betritt man drohend einen Raum?“

„Nun ja, langsam. Mit einem finsteren Blick.“

„Dann schreib das.“

„Die Leser können es sich auch so vorstellen.“

„Woher sollen sie wissen, ob er langsam geht? Vielleicht hat er nur etwas im Schuh.“

„Das wäre nicht besonders bedrohlich.“

„Für den Fuß schon.“

An diesem Punkt streiche ich das Wort „drohend“ und sehe nach, was Herr Munkel mit seinen Füßen macht.

Frida hat recht. Das macht die Arbeit nicht schneller, aber meistens besser.

Auch Herr Munkel ist kein einfacher Verhandlungspartner. Er möchte selbstverständlich unter keinen Umständen komisch wirken. Er besteht auf Würde, auf eine angemessene Dunkelheit und auf die Feststellung, dass sämtliche Missgeschicke entweder beabsichtigt oder Teil eines größeren finsteren Plans seien. Wenn ein Gegenstand umfällt, hat er nicht schlecht gestanden, sondern eine „vorbereitende Lageveränderung“ vorgenommen. Wenn etwas überraschend gut ausgeht, handelt es sich keineswegs um Hilfsbereitschaft, sondern um eine „vorläufig noch nicht abgeschlossene Verwünschung“.

Frida lässt ihm diese Erklärungen meistens. Sie wartet nur ab, bis die Wirklichkeit Gelegenheit bekommt, darauf zu antworten.

Auch zwischen uns gab es dazu immer wieder kleine Meinungsverschiedenheiten:

„Herr Munkel braucht an dieser Stelle einen besonders mächtigen Zauberspruch“, sagte ich.

„Warum?“, fragte Frida.

„Weil die Szene sonst nicht spannend genug ist.“

„Vielleicht könnte der Zauberspruch einfach funktionieren.“

„Dann wäre Herr Munkel zufrieden.“

„Kurz.“

„Und danach?“

„Müsste er herausfinden, was er genau gesagt hat.“

Seitdem achte ich sehr sorgfältig darauf, welche Wörter ich Herrn Munkel in den Mund lege. Seine Zaubersprüche besitzen nämlich die unangenehme Gewohnheit, genauer zuzuhören als er selbst. Wörter tun mitunter Dinge, die man ihnen nicht zugetraut hätte, besonders wenn jemand sie großspurig ausspricht und sich erst anschließend über ihre Bedeutung Gedanken macht.

Mehr soll an dieser Stelle noch nicht verraten werden.

Nur so viel: In der Geschichte gibt es ein altes Haus, das für einen finsteren Magier vielleicht ein wenig zu reparaturbedürftig ist, einen Raben mit einer begrenzten Auswahl an Äußerungen und mehrere Vorhaben, durch die Herr Munkel seine Umgebung nachhaltig verschlechtern möchte. Leider hat die Umgebung eigene Vorstellungen. Ebenso Frida. Und möglicherweise auch einige Enten, die jedoch jede Verantwortung zurückweisen würden, sofern man sie danach fragte.

Unter der Heiterkeit verbirgt sich dabei eine Frage, die mich während des Schreibens zunehmend beschäftigt hat: Was geschieht mit einem Menschen, der unbedingt für etwas gehalten werden möchte, das er vielleicht gar nicht ist? Herr Munkel verwendet beträchtliche Kraft darauf, böse, unnahbar und eindrucksvoll zu erscheinen. Frida interessiert sich nicht besonders für diese Inszenierung. Sie nimmt ihn ernst, aber anders, als er es erwartet. Sie hört auf seine Wörter, betrachtet seine Handlungen und stellt fest, dass beides nicht immer zusammenpasst.

Sie verspottet ihn nicht. Das wäre zu einfach und auf Dauer auch nicht besonders freundlich. Stattdessen begegnet sie seinem Pathos mit jener nüchternen Logik, die Kinder besitzen, solange Erwachsene sie ihnen noch nicht abgewöhnt haben.

Wenn Herr Munkel erklärt, etwas sei unausweichlich, möchte Frida wissen, ob man nicht außen herumgehen kann. Wenn er von einem endgültigen Aufstieg spricht, sieht sie zunächst nach, wie viele Stockwerke das Haus hat. Und wenn er behauptet, eine Gehilfin der Finsternis brauche keinen Schlaf, interessiert sie vor allem, wie diese Gehilfin am nächsten Morgen aus dem Bett kommen soll.

Das Schreiben solcher Gespräche macht große Freude. Es dauert nur länger, weil Frida keine ungenauen Abkürzungen duldet und Herr Munkel jede Niederlage nachträglich in einen Erfolg umformulieren möchte. Dazwischen sitze ich am Schreibtisch und versuche, beiden gerecht zu werden.

Deshalb war es hier so still.

Ich hätte natürlich zwischendurch einen kurzen Beitrag veröffentlichen können. Doch Frida hätte vermutlich gefragt, warum ich Zeit für einen Beitrag habe, wenn ihr nächstes Kapitel noch nicht fertig ist. Herr Munkel wiederum hätte die längere Funkstille wahrscheinlich als Beweis seiner wachsenden finsteren Wirkung bezeichnet.

Beides wollte ich vermeiden.

Nun ist das Manuskript jedoch ein gutes Stück weiter, die Verhandlungen dauern nur noch in Einzelfragen an, und selbst Herr Munkel scheint vorläufig bereit, meine Arbeit nicht vollständig zu verwünschen. Ich werde mich daher wieder häufiger melden und in den kommenden Wochen ein wenig mehr über das Buch erzählen – selbstverständlich ohne zu verraten, ob die Finsternis am Ende bekommt, was sie verlangt.

Frida würde ohnehin sofort einwenden, dass die Finsternis nicht sprechen kann.

Herr Munkel behauptet das Gegenteil.

Ich halte mich fürs Erste aus dieser Diskussion heraus.

Lesebrief - Benno Vorberg

Neue Geschichten, Gedanken über Kinderbücher und Sprache, Einblicke in die Arbeit von Benno Vorberg sowie gelegentliche Leseproben und Materialien für Eltern und Lehrkräfte.

Der Lesebrief erscheint in unregelmäßigen Abständen, gewöhnlich etwa einmal im Monat.