Kinder sind oftmals die besseren Testleser

Benno Vorberg - Weblog Kinderbuch-Autor

Wer ein Kinderbuch schreibt, denkt meistens zuerst an Erwachsene. Das klingt widersprüchlich, ist aber wahr. Erwachsene kaufen das Buch, Erwachsene lesen Klappentexte, Erwachsene empfehlen es weiter, Erwachsene entscheiden, ob ein Manuskript „pädagogisch wertvoll“, „altersgerecht“ oder „sprachlich angemessen“ ist. Doch am Ende sitzt das eigentliche Publikum auf dem Teppich, im Bett, in der Leseecke, im Klassenzimmer oder auf dem Rücksitz eines Autos und stellt eine viel einfachere Frage: Will ich wissen, wie es weitergeht?

Genau deshalb sind Kinder oftmals die besseren Testleser. Nicht, weil sie ein Manuskript fachlich analysieren könnten. Nicht, weil sie Dramaturgie kennen oder erklären würden, ob eine Figur ausreichend entwickelt ist. Kinder sind bessere Testleser, weil sie ehrlicher auf Geschichten reagieren.

Sie lesen nicht mit Rücksicht auf die Mühe des Autors. Sie nicken nicht höflich, wenn eine Szene zu lang ist. Sie lächeln nicht aus Freundlichkeit über einen Witz, der nicht funktioniert. Sie zeigen sehr direkt, ob ein Kinderbuch sie erreicht oder nicht.

Ein erwachsener Testleser sagt vielleicht: „Der Einstieg ist etwas langsam, aber atmosphärisch schön.“ Ein Kind sagt: „Wann passiert denn was?“ Beides kann richtig sein. Aber für ein Kinderbuch ist die zweite Antwort oft hilfreicher. Denn Kinder spüren sehr genau, wann eine Geschichte nur vorbereitet, erklärt oder sich selbst bewundert. Sie haben ein feines Gespür dafür, ob eine Szene lebt. Wenn sie zuhören, fragen, lachen, unterbrechen, sich erschrecken oder nach dem nächsten Kapitel verlangen, dann hat das Buch etwas getroffen. Wenn sie unruhig werden, wegschauen oder beginnen, mit dem Lesezeichen zu spielen, ist das ebenfalls eine Antwort.

Gute Kinderbücher entstehen nicht dadurch, dass Erwachsene möglichst viele pädagogische Absichten hineinlegen. Sie entstehen, wenn ein Kind sich in einer Geschichte bewegen kann. Kinder wollen Figuren, denen sie folgen möchten. Sie wollen Geheimnisse, die nicht sofort erklärt werden. Sie wollen Sprache, die sie verstehen, ohne sich unterfordert zu fühlen. Sie wollen Abenteuer, aber auch Wiedererkennung. Ein Schulhof, ein verlorenes Wort, eine seltsame Tür, eine unfaire Freundin, ein merkwürdiger Erwachsener, ein Dachboden, ein Keller, ein Waldweg: All das kann für Kinder spannend sein, wenn es aus ihrer Perspektive erzählt wird.

Kinder erkennen sehr schnell, ob eine Kinderbuchfigur wirklich ein Kind ist oder nur ein Erwachsener in kleinerer Gestalt. Das ist einer der wichtigsten Gründe, warum Kinder als Testleser so wertvoll sind. Erwachsene neigen dazu, kindliche Figuren zu glätten. Sie machen sie vernünftig, erklärbar und moralisch sauber. Kinder dagegen merken sofort, wenn eine Figur nicht stimmt. Sie wissen, dass man eifersüchtig sein kann und trotzdem behauptet, es sei einem egal. Sie wissen, dass man Angst haben kann, ohne es zuzugeben. Sie wissen, dass Freundschaft nicht immer nett ist. Und sie wissen, dass Erwachsene oft glauben, alles verstanden zu haben, obwohl sie nur schneller reden.

Auch beim Vorlesen zeigt sich die Qualität eines Kinderbuchs besonders deutlich. Ein Text, der auf dem Papier schön wirkt, kann beim Vorlesen plötzlich steif werden. Sätze stolpern, Dialoge klingen falsch, Erklärungen bremsen den Rhythmus. Kinder reagieren auf solche Stellen unmittelbar. Sie rutschen hin und her, fragen etwas ganz anderes oder verlieren den Faden. Das ist keine Unhöflichkeit. Es ist ein sehr präzises literarisches Signal. Ein Kinderbuch muss nicht simpel sein, aber es muss atmen können. Es muss vorgelesen werden können, ohne dass der Text wie ein Unterrichtsblatt klingt.

Natürlich heißt das nicht, dass Erwachsene als Testleser unwichtig sind. Eltern, Lehrkräfte, Lektorinnen und Lektoren sehen andere Dinge. Sie achten auf Aufbau, Altersgruppe, Sprachstand, Länge, innere Logik und vielleicht auch auf die Frage, ob ein Thema sensibel genug behandelt wird. Diese Perspektive ist wertvoll. Aber sie ersetzt nicht die Reaktion von Kindern. Erwachsene können beurteilen, ob ein Buch gut gemeint ist. Kinder zeigen, ob es funktioniert.

Besonders aufschlussreich sind nicht nur die ausgesprochenen Meinungen der Kinder, sondern ihre Fragen. Wenn ein Kind fragt: „Warum macht sie das?“, kann das bedeuten, dass eine Figur unklar bleibt. Wenn es fragt: „Kommt der Mann noch mal wieder?“, hat eine Nebenfigur vielleicht mehr Kraft als gedacht. Wenn es sagt: „Das war traurig, aber schön“, hat eine Szene vermutlich den richtigen Ton gefunden. Und wenn ein Kind nach dem Ende weiterspinnt, was noch passieren könnte, dann hat die Geschichte einen eigenen Raum geöffnet.

Kinder sind keine kleinen Lektorinnen und Lektoren. Man sollte sie auch nicht mit Fragebögen überfordern. Oft reicht es, ihnen vorzulesen oder sie lesen zu lassen und aufmerksam zu beobachten. Wo lachen sie? Wo werden sie still? Wo fragen sie nach? Wo vergessen sie die Zeit? Wo steigen sie aus? Diese Antworten sind für Autorinnen und Autoren oft ehrlicher als jede ausführliche Analyse.

Ein gutes Kinderbuch muss vor Kindern bestehen. Nicht vor einer abstrakten Vorstellung von Kindheit, nicht vor einer pädagogischen Wunschfigur, nicht vor einem erwachsenen Idealbild. Vor echten Kindern. Vor Kindern, die müde sind, neugierig, ungeduldig, empfindsam, klug, widersprüchlich und manchmal schonungslos direkt.

Vielleicht sind Kinder deshalb die besseren Testleser: Sie lesen nicht, um nett zu sein. Sie lesen, um etwas zu erleben. Und wenn ein Kinderbuch ihnen dieses Erlebnis gibt, dann merkt man es sofort. Sie wollen weiter. Mehr Lob braucht ein Kinderbuch eigentlich nicht.

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