Lesen ohne erhobenen Zeigefinger

Benno Vorberg - Weblog Kinderbuch-Autor
Lesen ohne erhobenen Zeigefinger - Benno vorberg

Es gibt Kinderbücher, die wollen sehr schnell sehr viel Gutes. Sie möchten Mut machen, trösten, erklären, warnen, stärken, bilden und am Ende noch eine klare Botschaft mitgeben. Dagegen ist nichts einzuwenden. Kinder brauchen Bücher, die ihnen etwas zutrauen. Sie brauchen Geschichten, in denen Freundschaft, Angst, Streit, Ehrlichkeit, Fantasie und Mut vorkommen.

Schwierig wird es nur, wenn ein Kinderbuch seine Geschichte vergisst, weil es unbedingt eine Lehre erteilen möchte.

Kinder merken das.

Sie merken, ob eine Figur etwas erlebt oder ob sie nur dazu erfunden wurde, einen Satz zu beweisen. Sie merken, ob ein Konflikt wirklich aus der Geschichte kommt oder ob er nur vorbereitet wurde, damit am Ende ein Erwachsener — offen oder versteckt — sagen kann: „Und daraus lernen wir …“

Ein erhobener Zeigefinger kann viele Formen haben. Manchmal steht er in einem erklärenden Schlussabsatz. Manchmal spricht eine Figur plötzlich so, als hätte sie gerade ein pädagogisches Faltblatt gelesen. Manchmal werden Kinderfiguren so gebaut, dass sie entweder vorbildlich oder abschreckend sind. Dann gibt es das mutige Kind, das alles richtig macht, und das unachtsame Kind, das lernen muss, wie man sich besser verhält.

So einfach sind Kinder aber nicht.

Und gute Geschichten sind es auch nicht.

Ein Kinderbuch darf etwas meinen. Es darf Haltung haben. Es darf zeigen, dass Worte wichtig sind, dass Freundschaft verletzlich ist, dass Mut nicht dasselbe ist wie Lautstärke und dass Fantasie mehr sein kann als bloßes Wegträumen. Aber es sollte diese Dinge nicht vor die Geschichte stellen. Es sollte sie in die Geschichte hineinlegen.

Der Unterschied ist groß.

Wenn ein Buch Kindern erklärt, dass man seine Gefühle benennen soll, bleibt das oft abstrakt. Wenn ein Kind in einer Geschichte spürt, dass etwas weh tut, aber kein Wort dafür findet, entsteht Nähe. Dann können junge Leser mitgehen. Sie müssen nicht belehrt werden. Sie erleben mit.

Vielleicht ist das überhaupt eine der wichtigsten Aufgaben eines Kinderbuches: nicht zu sagen, was richtig ist, sondern eine Situation so zu erzählen, dass Kinder selbst darin etwas erkennen können.

In meinen Herr-Quast-Geschichten spielt Sprache eine große Rolle. Wörter können verloren gehen, vergessen werden oder plötzlich fehlen, wenn man sie am dringendsten braucht. Natürlich könnte man daraus sofort eine Botschaft machen: „Benutze viele Wörter. Sprich über deine Gefühle. Achte auf Sprache.“ Aber so würde ich keine Geschichte erzählen wollen.

Viel interessanter ist die Frage: Was passiert mit einem Kind, wenn ein wichtiges Wort fehlt? Wie fühlt es sich an, wenn man etwas sehr genau spürt, aber nur ungenau sagen kann? Was geschieht, wenn Freundschaft sich verändert und niemand sofort weiß, wie man darüber spricht?

Eine Geschichte beginnt dort, wo keine fertige Antwort steht.

Kinder brauchen keine perfekten Figuren. Sie brauchen glaubwürdige Figuren. Kinder, die zögern. Kinder, die sich irren. Kinder, die manchmal eifersüchtig sind, schweigen, ausweichen oder etwas sagen, das sie später bereuen. Gerade darin erkennen junge Leser etwas wieder. Nicht weil sie schlechter werden sollen, sondern weil sie merken: Auch Unsicherheit gehört zum Leben.

Ein erhobener Zeigefinger lässt Kindern wenig Raum. Er sagt ihnen, was sie denken sollen. Eine gute Geschichte dagegen öffnet einen Raum, in dem sie selbst denken können.

Das bedeutet nicht, dass Kinderbücher beliebig sein sollten. Im Gegenteil. Ein Buch ohne innere Richtung bleibt oft flach. Kinder spüren auch, wenn eine Geschichte nur unterhalten möchte, ohne etwas zu berühren. Aber eine Richtung ist nicht dasselbe wie eine Belehrung.

Ein Buch kann freundlich sein, ohne brav zu sein.

Es kann klug sein, ohne klüger zu tun als seine Leser.

Es kann Werte zeigen, ohne sie an die Wand zu schreiben.

Gerade beim Vorlesen wird das deutlich. Wenn Erwachsene mit Kindern lesen, entstehen oft die besten Gespräche nicht dort, wo das Buch eine Frage direkt stellt. Sie entstehen an kleinen Stellen: bei einem Blick, bei einem merkwürdigen Satz, bei einer Entscheidung, die nicht sofort eindeutig ist. Ein Kind fragt dann vielleicht: „Warum hat sie das gemacht?“ Oder: „War das gemein?“ Oder: „Ich hätte das anders gemacht.“

Solche Fragen sind wertvoller als jede fertige Moral.

Denn Lesen ist nicht nur Verstehen. Lesen ist Ausprobieren. Kinder dürfen in Geschichten Möglichkeiten durchspielen, ohne dass ihnen sofort jemand sagt, welche davon die einzig richtige ist. Sie dürfen fühlen, zweifeln, lachen, erschrecken, widersprechen und nachdenken.

Das ist auch für Eltern und Lehrkräfte wichtig. Ein Kinderbuch muss nicht jede pädagogische Absicht sichtbar vor sich hertragen, um geeignet zu sein. Manchmal ist ein leiser Text wirksamer als ein lauter. Manchmal bleibt eine Szene länger im Kind als ein Merksatz. Manchmal versteht ein Kind etwas gerade deshalb, weil es nicht erklärt, sondern erzählt wurde.

Lesen ohne erhobenen Zeigefinger heißt nicht: Lesen ohne Haltung.

Es heißt: Vertrauen in die Geschichte.

Und Vertrauen in die Kinder.

Denn Kinder sind keine leeren Gefäße, die man mit richtigen Sätzen füllen muss. Sie bringen eigene Erfahrungen mit, eigene Fragen, eigene Empfindlichkeit, eigene Schlauheit. Ein gutes Kinderbuch nimmt das ernst. Es geht nicht über sie hinweg. Es setzt sich neben sie.

Vielleicht ist das der schönste Platz, den ein Buch haben kann: nicht über dem Kind, nicht vor dem Kind, sondern neben ihm.

Dort kann eine Geschichte beginnen.

Und dort kann ein Kind etwas entdecken, ohne dass jemand mit dem Finger darauf zeigt.

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