
Es gibt Bäume, an denen man vorbeigeht. Und es gibt Bäume, unter denen man irgendwann stehen bleibt.
Die alte Linde in meinem Kinderbuch „Lio und das Geheimnis der alten Linde“ gehört zur zweiten Sorte.
Lio ist acht Jahre alt und kennt diesen Baum besser als vermutlich jeder Erwachsene in seiner Umgebung. Er kennt die Äste, auf denen man sicher sitzen kann, die Stellen, an denen die Rinde nach einem Regen glatt wird, und die Geräusche der Krone. Vor allem aber kann Lio etwas, das Erwachsenen mit den Jahren erstaunlich leicht abhandenkommt:
Er kann warten.
Während unter ihm Busse halten, Menschen einkaufen und Erwachsene Dinge erledigen, sitzt Lio in seiner Astgabel und hört hin. Denn in der Linde gibt es Dinge, die leiser sind als Erwachsene.
Und eines Tages hört er tatsächlich etwas.
Ein Rascheln, das nicht zum Wind gehört. Ein Blatt, das sich anders bewegt als die übrigen. Ein kaum sichtbarer Spalt in der Rinde.
Mehr möchte ich an dieser Stelle eigentlich schon nicht verraten.
Eine Welt, die immer da war
Was Lio entdeckt, ist keine ferne Zauberwelt, zu der man erst durch einen Schrank, ein Portal oder mit einem Raumschiff reisen müsste. Sie befindet sich mitten in seiner vertrauten Umgebung.
In der alten Linde liegt Lindenruh, eine Welt aus Rindenwegen, Brücken über Blattadern, Tropfen, die zu Seen werden, und kleinen Wesen mit höchst eigentümlichen Aufgaben. Dort gibt es Staublecker, Rauschweber, Atemträger und Kühlhüter. Sie sammeln, lauschen, tragen, weben und bewahren Dinge, die für uns Menschen kaum sichtbar sind.
Das war mir beim Schreiben wichtig.
Ich wollte keine zweite Welt erschaffen, die unsere ersetzt.
Ich wollte eine erfinden, die unsere sichtbarer macht.
Denn irgendwann stellt Lio fest, dass die Dinge, die in Lindenruh geschehen, mit seiner eigenen Welt zusammenhängen. Die Luft unter einem Baum, der Schatten an einem heißen Tag, das Rascheln der Blätter, Wasser, Wurzeln, Käfer, Vögel – nichts davon steht für sich allein.
Ein Hain ist eben nicht einfach eine Ansammlung von Bäumen.
Und genau da bekommt Lios Abenteuer plötzlich eine sehr reale Seite.
Am Rand des Hains tauchen Vermessungspfähle auf. Kurz darauf steht dort ein Schild: Ein Erlebnispark soll entstehen – mit Kletterturm, Lichterweg, Waldcafé und anderen Attraktionen. Für viele Erwachsene klingt das zunächst vernünftig. Auch Lios Freund Oskar findet die Aussicht auf eine große Rutsche ausgesprochen reizvoll.
Nur Lio beginnt sich zu fragen, warum man eigentlich etwas schaffen muss, damit Menschen Natur „erleben“ können, wenn sie längst da ist. Im Manuskript bringt er diesen Widerspruch mit einer einfachen Frage auf den Punkt: Warum braucht es einen Erholungspark, wenn der Hain bereits einer ist?
Damit beginnt für mich die eigentliche Geschichte.
Kein Buch gegen Spielplätze
Es wäre zu einfach gewesen, die Erwachsenen zu den Bösen zu machen und Lio zum kleinen Helden, der ihnen erklärt, wie die Welt funktioniert.
So wollte ich dieses Buch nicht schreiben.
Denn natürlich macht eine Rutsche Spaß. Natürlich kann ein Kletterturm schön sein. Und natürlich kann man einen Weg ausbessern oder einen Ort für Menschen zugänglicher machen.
Die Frage lautet vielmehr: Sehen wir eigentlich noch, was bereits da ist, bevor wir etwas Neues darüberbauen?
Auch Lios Freunde reagieren unterschiedlich. Oskar möchte erleben, anfassen und möglichst sofort verstehen. Tilda beobachtet, notiert und verlangt Beweise. Lio wiederum hört Dingen zu, für die es zunächst überhaupt keinen Beweis gibt. Gerade diese Unterschiede zwischen den drei Kindern gehören für mich zum Kern des Buches.
Freundschaft bedeutet schließlich nicht, dass alle dasselbe sehen.
Manchmal bedeutet sie, auszuhalten, dass ein anderer etwas sieht, das man selbst noch nicht sehen kann.
Was Leser vielleicht über Lio sagen würden
Da das Buch noch seinen Weg zu vielen Leserinnen und Lesern vor sich hat, möchte ich hier keine erfundenen Rezensionen als echte Stimmen ausgeben. Aber beim Schreiben habe ich mir manchmal vorgestellt, was Kinder oder Eltern nach der letzten Seite sagen könnten.
Fiktive Leserstimme, 9 Jahre:
„Am besten finde ich Pikk. Der ist immer ein bisschen genervt und trotzdem hilft er. Seit dem Buch gucke ich bei großen Bäumen nach Rissen in der Rinde.“
Das würde mich freuen.
Vielleicht sogar besonders der zweite Satz.
Fiktive Leserstimme eines Vaters:
„Ich dachte zuerst, es sei eine klassische Geschichte über kleine Waldwesen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich beim nächsten Spaziergang selbst angefangen habe, genauer hinzusehen.“
Und vielleicht wäre da noch diese:
Fiktive Leserstimme, 8 Jahre:
„Oskar hat mich manchmal geärgert. Aber ich verstehe ihn auch. Ich würde die Rutsche nämlich trotzdem ausprobieren.“
Das wäre wahrscheinlich meine Lieblingsmeinung.
Denn genau darum geht es mir: Das Buch soll Kindern nicht sagen, was sie denken müssen.
Es darf ruhig etwas schwieriger sein.
Vielleicht beginnt Fantasie genau dort
„Lio und das Geheimnis der alten Linde“ ist eine fantastische Abenteuergeschichte. Es gibt geheimnisvolle Wesen, verborgene Wege, ungewöhnliche Orte und eine Welt, deren Regeln Lio erst nach und nach verstehen muss.
Aber darunter liegt eine Frage, die ganz und gar nicht fantastisch ist:
Was übersehen wir, weil es zu leise ist?
Kinder sind darin Erwachsenen manchmal voraus. Sie können zehn Minuten vor einer Ameisenstraße sitzen, einen Ast zu einem Schiff erklären oder einem Baum einen Namen geben, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.
Vielleicht sollten wir ihnen diese Fähigkeit nicht zu schnell abgewöhnen.
Vielleicht sollten wir gelegentlich sogar von ihnen lernen.
Denn manchmal muss man keinen neuen Ort entdecken.
Man muss nur entdecken, dass der alte niemals leer gewesen ist.

