Warum ich lieber Geschichten erzähle, als Kindern Antworten vorzuschreiben

Benno Vorberg - Weblog Kinderbuch-Autor
Kinder brauchen Geschichten die ihnen Räume, Träume und Fantasie geben, die ihnen eigenes Erkennen ermöglichen

Kinder brauchen Geschichten die ihnen Räume, Träume und Fantasie geben, die ihnen eigenes Erkennen ermöglichen

Wer sich heute in einer Buchhandlung bei den Kinderbüchern umsieht, entdeckt schnell einen deutlichen Wandel. Neben klassischen Vorlese- und Kinderromanen füllen immer mehr Bücher die Regale, die erklären, aufklären, einordnen oder gesellschaftliche Themen möglichst früh vermitteln möchten. Kinder sind neugierig, stellen Fragen und möchten ihre Welt verstehen. Doch oftmals nehmen Autoren ihnen ihre Fragen weg und geben Antworten, deren Fragen noch gar nicht gestellt wurden.

Deshalb oder trotzdem schreibe ich selbst einen anderen Typ Kinderbuch.

Ich glaube, dass Kinder Geschichten nicht deshalb lieben, weil sie belehrt werden möchten. Sie lieben Geschichten, weil sie eintauchen, staunen, mitfühlen und entdecken wollen. Eine gute Geschichte eröffnet einen Raum, in dem Kinder eigene Gedanken entwickeln können. Genau darin liegt für mich die eigentliche Stärke eines Kinderbuches.

Natürlich darf ein Buch Wissen vermitteln. Es darf zum Nachdenken anregen. Es darf auch schwierige Themen berühren. Aber zwischen einer Geschichte, die etwas entstehen lässt, und einem Buch, das vor allem eine Botschaft transportieren möchte, besteht ein wesentlicher Unterschied.

Wenn Kinder lesen, begegnen sie Figuren. Sie erleben Entscheidungen, Fehler, Zweifel und Mut. Sie erfahren nicht nur, was jemand denkt, sondern warum. Diese Erfahrung kann kein Merkkasten und keine Zusammenfassung ersetzen. Gute Literatur erklärt den Menschen nicht. Sie zeigt ihn.

Vielleicht ist genau deshalb ein klassisches Lesebuch zeitlos. Es vertraut darauf, dass Kinder mehr verstehen, als Erwachsene ihnen manchmal zutrauen. Es lässt Platz für Fantasie, für Fragen und sogar für unterschiedliche Antworten. Nicht jedes Kapitel muss mit einer eindeutigen Botschaft enden. Manchmal genügt ein Gedanke, der das Buch überdauert und erst Tage später wieder auftaucht.

In meinen Büchern versuche ich deshalb nicht, Kinder von einer bestimmten Sichtweise zu überzeugen. Mich interessiert vielmehr, was Sprache mit ihnen macht. Wörter können neugierig machen. Sie können trösten, überraschen oder den Blick auf etwas verändern, das vorher selbstverständlich schien. Gerade deshalb spielen Sprache und Geschichten in meinen Büchern eine so große Rolle.

Ob im Keller der vergessenen Wörter, in der Bibliothek der ungelebten Geschichten oder in der Werkstatt der mutigen Wörter – im Mittelpunkt steht niemals eine Lektion, sondern immer eine Geschichte. Die Figuren dürfen Fehler machen. Sie dürfen sich irren. Sie dürfen wachsen. Und manchmal bleiben Fragen offen. Das empfinde ich nicht als Schwäche, sondern als Einladung zum Weiterdenken.

Kinder brauchen nicht für jede Lebenssituation ein eigenes Ratgeberbuch. Sie brauchen Bücher, die ihre Fantasie ernst nehmen. Bücher, die sie lachen lassen. Bücher, die sie berühren. Bücher, die Lust auf die nächste Seite machen.

Denn wer Freude am Lesen entwickelt, greift auch später zu Büchern, die Wissen vermitteln. Die Liebe zum Lesen entsteht selten durch Belehrung. Sie entsteht durch Geschichten.

Vielleicht erklärt das am besten, warum ich Kinderbücher schreibe, wie ich sie schreibe.

Ich wünsche mir Bücher, die Kinder nicht an die Hand nehmen, um ihnen jede Antwort zu geben. Ich wünsche mir Bücher, die ihnen eine Tür öffnen. Hindurchgehen müssen sie selbst.

Und genau dort beginnt für mich kindgerechte Literatur.

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