
Mitunter beginnen Geschichten viel früher, als wir glauben wollen. Mit einem Bild, das nicht verschwindet. Mit einem Kind auf einem Ast. Mit einem Baum, unter dem es anders klingt als auf der Straße. Mit einer Frage, die man nicht gleich beantworten kann.
So war es bei „Lio und das Geheimnis der alten Linde“.
Diese Geschichte lag schon länger auf meinem Schreibtisch. Nicht fertig, aber anwesend. Sie war da wie ein Blatt, das man zwischen Buchseiten legt und immer wiederfindet. Ich wusste, dass es um ein Kind gehen würde, das mehr bemerkt als andere. Um einen Baum, der nicht nur Baum ist. Um eine Welt, die nicht laut ruft, sondern wartet, bis jemand still genug ist, sie wahrzunehmen.
Und ich wusste, dass diese Geschichte nicht einfach werden würde.
Denn sobald ein Baum, ein Hain oder ein Stück Natur in einer Geschichte bedroht ist, steht man als Autor vor einer heiklen Entscheidung. Schreibt man ein Happy End? Dann klingt es vielleicht zu schön, zu tröstlich, zu glatt. Als müssten nur ein paar Kinder mutig sein, ein paar Erwachsene zuhören, und schon wäre alles gut.
Schreibt man kein Happy End, geraten die Erwachsenen schnell in die Rolle der Bösen. Dann sind sie wieder diejenigen, die planen, vermessen, verändern und nicht merken, was sie übersehen. Auch das wäre zu einfach gewesen. Denn so wollte ich diese Geschichte nicht erzählen.
Mich interessierte nicht die bequeme Einteilung in gute Kinder und schlechte Erwachsene. Mich interessierte etwas anderes: die Frage, wie leicht Menschen übersehen, was keinen Lärm macht. Wie schnell ein Ort als leer gilt, nur weil dort kein Schild erklärt, wozu er da ist. Und wie viel verloren gehen kann, bevor jemand überhaupt bemerkt, dass etwas verschwindet.
Lio ist kein Held im üblichen Sinn. Er ist kein Kind, das sofort weiß, was zu tun ist. Er ist eher ein Kind, das sitzen bleibt. Das hört. Das sich nicht ganz zufriedengibt, wenn andere sagen: „Da ist doch nichts.“
Vielleicht ist genau das seine Stärke.
Denn in der alten Linde, in der Lio so gern sitzt, gibt es Dinge, die man nicht auf den ersten Blick sieht. Dort oben beginnt eine Welt, die klein und groß zugleich ist. Eine Welt aus Blättern, Rinde, Schatten, Atem, Geräuschen und Wesen, die sich um Dinge kümmern, für die Menschen oft keine richtigen Namen mehr haben.
Ich wollte diese Welt nicht erklären wie in einem Sachbuch. Sie sollte nicht beweisen, dass Natur wichtig ist. Das wissen wir eigentlich. Zumindest sagen wir es oft. Aber zwischen etwas wissen und etwas wirklich wahrnehmen liegt ein großer Unterschied.
Ein Baum spendet Schatten. Das kann man sagen.
Aber wie fühlt sich dieser Schatten an?
Was macht gute Luft mit einem Kind, das gerade noch unruhig war?
Warum klingt ein Ort manchmal weich und ein anderer hart?
Und wann beginnt ein Mensch zu begreifen, dass ein Hain nicht leer ist, nur weil dort nichts verkauft wird?
Solche Fragen haben mich beim Schreiben begleitet.
Lange wusste ich nicht, wie ich die Geschichte enden lassen sollte. Weil jedes zu einfache Ende falsch gewesen wäre. Ein zu rundes Happy End hätte der Geschichte ihre Wahrheit genommen. Ein zu dunkles Ende hätte sie in eine Anklage verwandelt.
Beides wollte ich nicht. Also blieb das Manuskript liegen.
Irgendwann, so stellte ich es mir vor, gaben mir die kleinen Wesen einen Rat.
„Erzähl die Geschichte. Wichtig ist, dass sie in die Welt kommt.„, rieten sie mir.
Dieser Gedanke hat mir geholfen. Denn vielleicht müssen manche Geschichten gar nicht so tun, als könnten sie alle Probleme lösen. Vielleicht dürfen sie offenlassen, was im Leben ebenfalls offenbleibt. Vielleicht dürfen sie zeigen, dass ein Kompromiss manchmal nötig ist, aber nicht bedeutet, dass die Verantwortung damit endet.
So habe ich „Lio und das Geheimnis der alten Linde“ schließlich erzählt.
Als Kinderbuch über Fantasie, Natur und Aufmerksamkeit. Als Geschichte über ein Kind, das entdeckt, dass manche Dinge erst sichtbar werden, wenn man nicht sofort etwas mit ihnen anfangen will. Als Erzählung über einen Ort, der leise ist, aber nicht leer.
Ich glaube, Kinder verstehen solche Geschichten sehr gut. Vielleicht sogar besser als Erwachsene. Kinder wissen, dass ein Ast ein Schiff sein kann, ein Schatten ein Versteck, ein Blatt ein Dach und ein Baum mehr als ein Stamm mit Blättern. Sie müssen nicht erst überzeugt werden, dass die Welt größer ist als das, was man auf Plänen einzeichnen kann.
Erwachsene vergessen das leichter.
Vielleicht schreibe ich deshalb Kinderbücher nicht nur für Kinder. Ich schreibe sie auch für die Erwachsenen, die mitlesen. Für Eltern, Großeltern, Lehrerinnen, Lehrer und alle, die sich daran erinnern möchten, dass eine gute Geschichte nicht belehrt, sondern etwas öffnet.
„Lio und das Geheimnis der alten Linde“ ist keine laute Geschichte. Sie will nicht mit erhobenem Zeigefinger erklären, was richtig und falsch ist. Sie lädt eher dazu ein, genauer hinzusehen. Oder besser: genauer hinzuhören.
Vielleicht hört man beim Lesen zuerst nur Blätter.
Vielleicht später etwas mehr.
Und vielleicht ist genau das der Anfang.

