Warum Wörter in Kinderbüchern wichtig sind

Benno Vorberg - Weblog Kinderbuch-Autor
Warum Wörter in Kinderbücher wichtig sind

Es gibt Kinderbücher, in denen sehr viel geschieht. Türen öffnen sich, Tiere sprechen, Kinder geraten in Abenteuer, ein Wald wird geheimnisvoll, ein Keller ist plötzlich mehr als ein Keller, eine Bibliothek bewahrt Geschichten auf, die noch nicht gelebt wurden.

Und doch beginnt all das mit etwas sehr Kleinem.

Mit einem Wort.

Ein Wort ist in einem Kinderbuch nicht nur ein Baustein für einen Satz. Es ist auch eine kleine Tür. Manchmal öffnet sie sich sofort. Manchmal klemmt sie ein wenig. Manchmal muss ein Kind sie erst anschauen, wiederholen, nachfragen oder in einem anderen Zusammenhang noch einmal hören. Dann aber geschieht etwas, das für das Lesen wichtiger ist als jede noch so gut gemeinte Erklärung: Ein Wort bekommt einen Platz im eigenen Denken.

Kinder brauchen Wörter nicht nur, um Texte zu verstehen. Sie brauchen Wörter, um sich selbst und die Welt besser zu verstehen. Wer für ein Gefühl kein Wort hat, kann es schwerer mitteilen. Wer für eine Beobachtung kein Wort findet, geht vielleicht achtlos an ihr vorbei. Wer nur „gut“, „doof“, „cool“ oder „egal“ sagen kann, hat zwar eine Antwort, aber noch keinen richtigen Ausdruck.

Gerade deshalb sind Kinderbücher so wichtig. Sie geben Kindern Wörter, ohne sie wie Vokabeln vorzuführen. Ein gutes Kinderbuch sagt nicht: „Heute lernen wir das Wort Mut.“ Es erzählt von einem Kind, das sich nicht sicher ist, ob es etwas wagen soll. Es zeigt eine Situation, in der Angst, Zögern, Hoffnung und Vertrauen nebeneinanderstehen. Und irgendwann versteht das Kind beim Lesen: Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet vielleicht, trotzdem einen Schritt zu tun.

Solche Wörter bleiben.

Nicht, weil sie erklärt wurden. Sondern weil sie erlebt wurden.

In meinen Büchern interessiert mich genau dieser Moment. Der Augenblick, in dem ein Wort nicht mehr nur gedruckt auf einer Seite steht, sondern im Kind weiterarbeitet. In der Herr-Quast-Welt werden Wörter gesammelt, verloren, gefunden, bewahrt und manchmal auch bedroht. Das ist natürlich eine erzählerische Erfindung. Aber dahinter steht eine sehr reale Erfahrung: Wörter können verschwinden, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Nicht aus dem Wörterbuch. Aber aus dem Alltag.

Ein Kind, das nie hört, dass man traurig, enttäuscht, gekränkt, verlegen, stolz, unsicher, neugierig oder erleichtert sein kann, wird diese feinen Unterschiede schwerer benennen. Es spürt sie vielleicht trotzdem. Aber Spüren und Sagen sind nicht dasselbe. Zwischen beiden liegt der Raum, in dem Sprache entsteht.

Kinderbücher können diesen Raum öffnen.

Dabei geht es nicht darum, möglichst schwierige Wörter in ein Buch zu streuen, damit Erwachsene später sagen können, es sei sprachlich wertvoll. Kinder merken sehr genau, ob Sprache lebt oder ob sie nur zeigen soll, wie klug der Autor ist. Ein gutes Kinderbuch braucht keine gestelzte Sprache. Aber es darf Kindern mehr zutrauen als die immer gleichen kleinen Wörter.

Kinder verstehen oft mehr, als Erwachsene ihnen zutrauen. Sie müssen nicht jedes Wort sofort vollständig erklären können. Manchmal reicht es, wenn ein Wort im Satz leuchtet. Wenn es einen Klang hat. Wenn es neugierig macht. Wenn ein Kind fragt: „Was bedeutet das?“ Dann ist kein Fehler passiert. Dann hat das Buch gearbeitet.

Vorlesen spielt dabei eine besondere Rolle. Ein vorgelesenes Wort klingt anders als ein still gelesenes. Es bekommt Atem, Rhythmus, Wärme. Kinder hören, wo ein Satz innehält, wo er sich öffnet, wo ein Wort schwerer oder leichter wird. Wer einem Kind vorliest, gibt ihm nicht nur Inhalt weiter, sondern auch Sprachgefühl.

Darum sind Wörter in Kinderbüchern auch für Erwachsene wichtig. Eltern, Großeltern, Lehrkräfte und Vorlesende merken oft erst beim Lesen, welche Wörter ein Kind aufnimmt. Manchmal bleibt ein Kind bei einem einzelnen Ausdruck hängen. Manchmal lacht es über ein Wort. Manchmal wiederholt es eines später in einem ganz anderen Zusammenhang. Dann zeigt sich, dass Sprache nicht einfach konsumiert wird. Sie wird angeeignet.

Ein Kinderbuch sollte deshalb nicht nur Handlung liefern. Es sollte Kindern Wörter schenken, mit denen sie weiterdenken können.

Wörter für Freundschaft.

Wörter für Streit.

Wörter für Angst.

Wörter für das Staunen.

Wörter für den kleinen Moment, in dem ein Kind merkt: Ich kann sagen, was in mir los ist.

Das ist vielleicht einer der schönsten Gründe, Kinderbücher zu schreiben. Nicht, weil man Kindern erklären möchte, wie die Welt funktioniert. Sondern weil man ihnen Wörter mitgeben kann, mit denen sie ihre eigene Welt genauer betrachten.

In einer Zeit, in der vieles schnell gesagt, schnell gekürzt und schnell weggewischt wird, brauchen Kinder Bücher, die sich Zeit nehmen. Nicht langsam im Sinne von langweilig. Sondern aufmerksam. Bücher, die ein Wort nicht sofort gegen das nächste austauschen. Bücher, die eine Szene aushalten. Bücher, in denen ein Satz auch einmal nachklingen darf.

Denn Kinder lernen Sprache nicht nur durch Regeln. Sie lernen Sprache durch Nähe. Durch Wiederholung. Durch Klang. Durch Bilder. Durch Geschichten.

Und manchmal durch einen alten Mann wie Herrn Quast, der in einem Keller voller Gläser steht und weiß, dass jedes Wort einmal wichtig werden kann.

Vielleicht nicht sofort.

Vielleicht erst später.

Aber genau dafür sind Kinderbücher da: Sie legen Wörter in Kinder hinein, bevor diese Kinder wissen, wann sie sie brauchen werden.

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