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Warum Zauberer in Geschichten erlaubt sein sollten

Benno Vorberg - Weblog Kinderbuch-Autor
Frida und der Zauberer

Frida saß auf der Gartenmauer, ließ die Beine baumeln und erzählte mir von einem Zauberer. Nicht von einem weisen alten Mann mit Sternenmantel, der für jede Schwierigkeit den passenden Spruch kennt. Ihr Zauberer trug Schwarz, wollte unbedingt ernst genommen werden und war von seiner eigenen Bedeutung so überzeugt, dass Frida schon beim Erzählen die Augen verdrehte.

Ich schrieb mit.

Je länger sie sprach, desto deutlicher wurde mir, dass Frida keine Geschichte über Zauberei erzählen wollte. Sie erzählte von einem Kind, das einem Erwachsenen begegnet, dessen Auftreten größer ist als seine Gewissheit. Von Regeln, die vernünftig klingen und trotzdem seltsame Folgen haben. Von Angst, Mut, Sprache, Vertrauen und der Frage, ob man jemanden mögen darf, der sich alle Mühe gibt, unheimlich zu wirken.

Dafür brauchte sie einen Zauberer.

Magie schafft den nötigen Abstand

Kinderbücher greifen häufig Erfahrungen auf, die Kinder aus ihrem Alltag kennen: Erwachsene bestimmen, Regeln erscheinen undurchschaubar, jemand wird unterschätzt oder eine Situation fühlt sich bedrohlicher an, als sie von außen wirkt. Würde man solche Erfahrungen immer unmittelbar und realistisch erzählen, könnten Geschichten schnell schwer werden.

Die Fantasie schafft Abstand. Ein strenger Erwachsener wird zum Zauberer, eine Vorschrift zur magischen Prüfung und ein ungutes Gefühl zu einem Schatten, der plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Das Problem bleibt erkennbar, tritt aber in einer Form auf, die Kinder betrachten können, ohne ihm schutzlos ausgeliefert zu sein.

Dieser Abstand ist keine Flucht vor der Wirklichkeit. Er ist eher ein Aussichtspunkt. Von dort aus lässt sich manches besser erkennen.

Kinder können über Macht nachdenken, ohne dass eine Geschichte wie eine Unterrichtsstunde über Macht klingt. Sie können erleben, dass Erwachsene sich irren, ohne dass gleich die gesamte Erwachsenenwelt unsicher wird. Und sie können einem unheimlichen Wesen begegnen, während das Buch jederzeit geschlossen werden kann.

Ein wenig Grusel gehört dazu

Viele Erwachsene möchten Kinder vor allem bewahren, was ihnen Angst machen könnte. Das ist verständlich. Aber Geschichten müssen nicht vollkommen angstfrei sein. Sie sollten Kindern vielmehr eine Form anbieten, in der Angst überschaubar bleibt.

Ein guter Kinderbuchzauberer darf geheimnisvoll sein. Ein Keller darf knarren, eine Tür darf sich von selbst öffnen, und hinter einem Vorhang kann etwas rascheln. Entscheidend ist nicht, dass niemals etwas Unheimliches geschieht. Entscheidend ist, dass die Geschichte das Kind nicht allein damit zurücklässt.

Spannung ermöglicht eine kleine, freiwillige Begegnung mit Unsicherheit. Das Kind weiß: Ich sitze auf dem Sofa, im Klassenzimmer oder in der Leseecke. Neben mir ist vielleicht ein Erwachsener. Die Gefahr befindet sich zwischen zwei Buchdeckeln.

Dabei kann es ausprobieren, wie Mut eigentlich funktioniert. Mut bedeutet selten, keine Angst zu haben. Meist bedeutet er, trotz eines mulmigen Gefühls genauer hinzusehen.

Frida kann das ausgesprochen gut. Sie ist nicht furchtlos, aber neugieriger als eingeschüchtert. Ein hoher Mantelkragen beeindruckt sie nur so lange, bis sie bemerkt, dass darunter jemand steckt, der ebenfalls unsicher werden kann.

Zauberer machen innere Dinge sichtbar

Magie kann Gefühle in Bilder verwandeln. Ein Gedanke wird zu einem Gegenstand, ein Verdacht zu einem Geräusch und eine übertriebene Sorge zu einem Zauber, der viel zu gründlich arbeitet.

Gerade für Kinder ist das hilfreich. Gefühle sind oft schwer zu benennen. Man spürt, dass etwas nicht stimmt, verfügt aber noch nicht über die passenden Wörter. Eine Fantasiegeschichte sagt dann nicht: Dieses Kind erlebt einen Konflikt zwischen Vertrauen und Misstrauen. Sie zeigt ein Kind, das einem Zauberer folgen möchte und gleichzeitig nicht sicher ist, ob es ihm alles glauben darf.

Das ist anschaulicher und häufig auch ehrlicher.

Zauberer sind dafür besonders geeignet, weil sie zugleich mächtig und fehlbar sein können. Sie beherrschen Kräfte, die andere nicht besitzen, und verstehen trotzdem nicht immer, was in ihnen selbst vorgeht. Kinder kennen diesen Widerspruch aus ihrem Alltag. Erwachsene dürfen viel, wissen aber keineswegs alles.

Eine Geschichte kann daraus ein Abenteuer machen, ohne den Erwachsenen zum Gegner zu erklären. Herr Munkel kann lächerlich, beeindruckend, anstrengend und liebenswert zugleich sein. Kinder müssen sich nicht für eine einzige Deutung entscheiden.

Humor schützt vor dem erhobenen Zeigefinger

Sobald in Kinderbüchern über Verantwortung, Macht oder Ängste gesprochen wird, droht die Geschichte schnell vernünftig zu werden. Zu vernünftig.

Dann erscheinen Figuren nur noch, um eine Botschaft zu transportieren. Kinder bemerken das meist früher als Erwachsene.

Darum braucht eine Zauberergeschichte Humor. Ein Zauberer, der sich für furchteinflößend hält, darf über seinen eigenen Mantel stolpern. Eine geheimnisvolle Zeremonie darf von einer Ente gestört werden. Eine amtliche Regel darf so genau formuliert sein, dass am Ende niemand mehr weiß, was sie eigentlich verhindern sollte.

Humor nimmt die Themen nicht weniger ernst. Er verhindert nur, dass sie schwer auf der Geschichte liegen. Kinder dürfen lachen und trotzdem etwas erkennen. Oft erkennen sie gerade beim Lachen am meisten.

Fantasie traut Kindern etwas zu

Zaubergeschichten verlangen von Kindern, dass sie sich auf eine Welt mit eigenen Regeln einlassen. Sie müssen Hinweise behalten, Widersprüche erkennen und entscheiden, welchen Figuren sie vertrauen. Das ist keine geringe Leistung.

Eine gute Fantasiegeschichte erklärt deshalb nicht alles sofort. Sie lässt Raum für Vermutungen, Fragen und unterschiedliche Lesarten. Beim Vorlesen, im Unterricht oder in einer Bibliotheksrunde können daraus Gespräche entstehen: Wann ist jemand wirklich mutig? Darf man Regeln infrage stellen? Kann eine Person gleichzeitig beeindruckend und komisch sein? Muss eine gute Absicht immer zu einem guten Ergebnis führen?

Solche Fragen benötigen keine Musterlösung.

Vielleicht sollten Zauberer gerade deshalb in Kinderbüchern vorkommen dürfen. Sie öffnen einen Raum, in dem das Unmögliche geschieht und trotzdem etwas Wahres sichtbar wird.

Frida wusste das offenbar längst. Sie erzählte weiter, gestikulierte so heftig, dass ich mit dem Schreiben kaum hinterherkam, und bestand darauf, dass ihr Zauberer einen gezwirbelten Schnurrbart tragen müsse.

Manche Einzelheiten, erklärte sie, seien für die Geschichte unverzichtbar.