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Wie ich Frida zum ersten Mal begegnete

Benno Vorberg - Weblog Kinderbuch-Autor

Frida begegnete mir zum ersten Mal von hinten. Genauer gesagt fuhr sie mir mit einem kleinen gelben Kinderfahrrad mit schwarzen Streifen in die Hacken. Das Rad besaß Stützräder, eine hell klingende Klingel und einen Lenkerkorb, in dem ein einzelner Stein lag. Wozu sie den Stein brauchte, weiß ich bis heute nicht. Auf meine Frage antwortete Frida nur, dass man nie wissen könne.

Ich drehte mich also um und sah ein Kind mit zerzausten Haaren, aufgeschürften Knien und einem Gesicht, das keinerlei Schuldbewusstsein erkennen ließ.

„Du bist mir gerade in die Hacken gefahren“, sagte ich.

Frida sah auf mein linkes Bein.

„Mit beiden Rädern?“

„Mit dem vorderen.“

„Dann funktionieren die Bremsen wahrscheinlich.“

Ich musste einen Augenblick darüber nachdenken. Währenddessen stieg sie von ihrem Fahrrad und betrachtete meine Schuhe.

„Erwachsene stehen oft plötzlich im Weg“, erklärte sie.

„Ich stand schon vorher dort.“

„Das hat nichts verhindert.“

So begann unsere erste Unterhaltung.

Wir sprachen über Fahrräder. Frida war damals noch klein genug für Stützräder, aber bereits überzeugt davon, dass diese hauptsächlich Erwachsene beruhigten. Kinder, meinte sie, würden ohnehin irgendwann umfallen. Das gehöre zum Fahrradfahren. Erwachsene wollten nur bestimmen, wann.

Ich fragte sie, weshalb sie die Stützräder dann nicht abmontiere.

„Weil mein Vater sonst nebenherläuft.“

„Das ist doch freundlich.“

„Ja. Aber er ruft dauernd: Geradeaus!“

Frida fand, Erwachsene sagten häufig geradeaus, obwohl sie selbst nicht genau wüssten, wohin. Sie hätten nur längere Beine und könnten deshalb überzeugender so tun.

Ich fragte, ob Kinder es besser wüssten.

„Nein“, sagte sie. „Aber wir behaupten es nicht so lange.“

Dann setzte sie sich wieder auf ihr Fahrrad, klingelte einmal und fuhr davon. Der Stein hüpfte bei jedem Schlagloch im Korb auf und ab.

Weitere Begegnungen mit Frida

Seit diesem Tag begegneten wir uns gelegentlich. Manchmal kam sie auf dem Fahrrad. Später ohne Stützräder, aber nicht unbedingt vorsichtiger. Manchmal saß sie auf einer Mauer, baumelte mit den Beinen und beobachtete Menschen. Frida beobachtet gern. Nicht, weil sie besonders neugierig wäre, wie sie behauptet, sondern weil Erwachsene in der Öffentlichkeit Dinge täten, die sie später entschieden abstreiten würden.

Einmal erklärte sie mir, Regeln seien Vorschläge, die von jemandem mit einem Drucker auf Schilder geschrieben worden seien. Ein anderes Mal wollte sie wissen, weshalb Erwachsene Kindern beibrächten, immer die Wahrheit zu sagen, aber beim Telefonieren behaupteten, sie freuten sich über einen Anruf.

„Manchmal ist Höflichkeit wichtiger“, sagte ich.

„Dann muss man das auf die Schilder schreiben“, antwortete sie.

Ich begann, mir einige ihrer Sätze zu notieren. Nicht heimlich. Frida bemerkte ohnehin alles.

„Schreiben Sie über mich?“, fragte sie.

„Nur über das, was du sagst.“

„Das ist fast dasselbe.“

„Stört es dich?“

Sie dachte nach.

„Nur wenn Sie es verbessern.“

Damit war unsere Vereinbarung getroffen.

Die Geschichte von dem Zauberer

Eines Tages erzählte Frida mir von einem Zauberer.

Sie tat das nicht feierlich. Sie kündigte auch keine große Geschichte an. Wir saßen auf einer Bank, und Frida hatte gerade einem Entenpärchen erklärt, dass trockenes Brot nicht automatisch besser werde, nur weil man es werfe.

Dann sagte sie: „Ich kannte einmal einen Mann, der böse sein wollte.“

Ich fragte, ob ihm das gelungen sei.

Frida sah zu den Enten.

„Nicht so, wie er dachte.“

Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.

Nur so viel: Er besaß einen langen schwarzen Mantel, einen ausgestopften Raben und ein Zauberbuch mit einem ungewöhnlich langen Schlusswort. Außerdem war er davon überzeugt, dass eine Stadt vor ihm erzittern müsse, wenn er nur eindrucksvoll genug auftrat.

Frida erzählte langsam. Manchmal sprang sie in der Zeit vor und zurück. An manchen Stellen widersprach sie sich und behauptete anschließend, die Wirklichkeit habe sich vermutlich ungenau erinnert.

Ich hörte zu.

Je länger sie sprach, desto deutlicher wurde mir, dass dies keine Geschichte war, in der ein gutes Kind einem bösen Zauberer zeigte, wie man freundlich wird. Frida wäre für eine solche Aufgabe ohnehin ungeeignet. Sie mischt sich ein, verfolgt eigene Pläne und ist überzeugt, Menschen recht gut durchschauen zu können.

Meistens stimmt das sogar.

Und genau darin liegt das Problem.

Darf ich sie weitererzählen?

Als Frida geendet hatte, fragte ich sie, ob ich ihre Geschichte aufschreiben dürfe.

„Warum?“

„Damit andere sie lesen können.“

„Kinder oder Erwachsene?“

„Beide.“

„Erwachsene verstehen manchmal nur die falschen Stellen.“

„Dann müssen die Kinder es ihnen erklären.“

Damit war sie einverstanden.

Sie stellte allerdings eine Bedingung: Ich sollte die Geschichte wahrheitsgemäß und möglichst wortgetreu wiedergeben. Besonders den Mantel dürfe ich nicht kürzen. Ebenso wenig die Enten verschweigen.

An dieser Geschichte arbeite ich zurzeit.

Ich versuche, mich an Fridas Bericht zu halten, obwohl sie manche Einzelheiten für selbstverständlich hielt und andere vermutlich absichtlich verschwieg. Auch der Zauberer würde mit einigen Formulierungen nicht einverstanden sein. Vor allem mit jenen, in denen er komisch wirkt.

Frida sieht darin kein Problem.

„Er war nicht komisch“, sagte sie. „Er hat nur manchmal Dinge getan, die es waren.“

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Regeln beim Schreiben für Kinder: Figuren nicht komisch zu machen, nur damit man über sie lachen kann. Der Zauberer nimmt sich und seine Pläne ernst. Frida ebenfalls. Gerade deshalb darf die Geschichte komisch werden – und an anderen Stellen plötzlich nicht mehr.

Im Augenblick liegt die Idee auf meinem Schreibtisch. Es trägt den Titel:

„Pssst, Sie verraten ja alles,“ meint Frida.

Ob jedes Wort genau so geschehen ist, kann ich nicht garantieren.

Frida schon.