
Als ich begann, die Welt um Lio und die alte Linde zu entwickeln, war für mich schnell klar, dass der Baum nicht nur ein Baum bleiben durfte.
Er sollte Leben in sich tragen. Nicht bloß Nester, Käfer, Wurzeln und Blätter, sondern eine eigene verborgene Gemeinschaft. Eine Welt, die für Erwachsene unsichtbar bleibt, weil sie gelernt haben, Bäume vor allem als Teil einer Landschaft zu betrachten.
Kinder dagegen dürfen noch vermuten, dass hinter einer Rindenspalte ein Eingang liegt, dass sich zwischen zwei Ästen jemand versteckt oder dass ein Rascheln mehr bedeuten könnte als Wind.
Aus diesem Gedanken entstanden die kleinen Wesen in der alten Linde.
Keine Feen und keine Waldwichtel
Ich wollte keine vertrauten Märchenfiguren übernehmen. Keine Feen mit Flügeln, keine Zwerge mit Zipfelmützen und auch keine niedlichen Waldgeister, deren Aufgabe allein darin besteht, freundlich auszusehen.
Die Wesen in der Linde sollten aus dem Baum selbst hervorgegangen wirken. Als gehörten sie zu seiner Rinde, seinen Blättern, den Höhlungen und den Geräuschen in seiner Krone. Sie leben nicht einfach in der Linde. Sie sind mit ihr verbunden.
Deshalb besitzen sie unterschiedliche Eigenarten. Manche sind vorsichtig, andere eigensinnig, aufbrausend oder neugierig. Murr, Fikk und die übrigen Bewohner bilden keine harmonische Mustergemeinschaft. Sie streiten, zweifeln, halten an Gewohnheiten fest und beurteilen Gefahren unterschiedlich.
Genau dadurch werden sie für mich glaubwürdig.
Eine Gemeinschaft besteht nicht darin, dass alle gleich denken. Sie entsteht dort, wo verschiedene Wesen trotz ihrer Unterschiede begreifen, dass sie voneinander abhängig sind.
Wie ich auf diese Welt kam
Der Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass ein alter Baum für uns Menschen leicht zu etwas Selbstverständlichem wird. Er steht dort, spendet Schatten, verliert Blätter und treibt im Frühjahr wieder aus. Erst wenn er krank wird, beschädigt oder gefällt werden soll, fragen wir genauer, was mit ihm verbunden ist.
Doch ein alter Baum ist kein einzelnes Lebewesen im gewöhnlichen Sinn. Er ist zugleich Lebensraum, Schutzort, Nahrungsquelle und Orientierungspunkt. In ihm, auf ihm und unter ihm leben unzählige Tiere, Pflanzen und Pilze. Manche sind sichtbar, viele bleiben verborgen.
Für ein Kinderbuch wollte ich diese Zusammenhänge nicht in Form eines Sachtextes erklären. Ich wollte sie erzählbar machen.
So wurden aus den unsichtbaren Verbindungen Figuren.
Die kleinen Wesen geben dem Baum Stimmen, ohne dass die Linde selbst ständig sprechen muss. Durch ihre Sorgen und Auseinandersetzungen wird sichtbar, dass eine Veränderung niemals nur einen Einzelnen betrifft. Wenn der Baum leidet, verändert sich das Leben aller, die zu ihm gehören.
Wofür die Wesen stehen
Die kleinen Bewohner der Linde sind keine einfachen Symbole. Murr steht nicht ausschließlich für eine bestimmte Eigenschaft, Fikk nicht für eine pädagogische Botschaft. Figuren funktionieren für mich nur dann, wenn sie mehr sein dürfen als die Bedeutung, die man ihnen zuschreibt.
Trotzdem verkörpern sie etwas, das für die Lio-Geschichten wichtig ist.
Sie stehen für die vielen Formen des Lebens, die ein Kind nicht sofort sieht. Für Abhängigkeiten, die leicht übersehen werden. Und für die Erkenntnis, dass eine Gemeinschaft nicht erst dann wertvoll wird, wenn sie dem Menschen nützt.
Die Wesen besitzen ihre eigene Ordnung, ihre eigenen Erinnerungen und ihre eigene Sicht auf die Welt. Lio betritt keine Kulisse, die nur auf ihn gewartet hat. Er begegnet einer Welt, die bereits vor ihm bestand und auch ohne ihn ihre Konflikte hatte.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Lio wird nicht zum Herrscher dieser Welt und auch nicht zu ihrem allwissenden Retter. Er muss zuhören, beobachten und begreifen, dass seine menschliche Sicht nur eine unter vielen ist.
Warum sie für Kinder funktionieren
Kinder akzeptieren kleine verborgene Wesen meist ohne lange Erklärung. Nicht weil sie Wirklichkeit und Fantasie nicht unterscheiden könnten, sondern weil sie bereit sind, einer Geschichte eine Möglichkeit einzuräumen.
Vielleicht lebt dort etwas.
Dieser Gedanke genügt.
Die Wesen sind klein genug, um Schutz zu benötigen, aber nicht hilflos. Sie können komisch wirken, ohne zu Witzfiguren zu werden. Sie besitzen Fehler, Vorurteile und Ängste. Damit sind sie für Kinder zugänglich, ohne dass sie wie verkleidete Kinder sprechen müssen.
Über eine fantastische Figur lässt sich manches erzählen, was in einer realistischen Geschichte schwerer oder zu direkt wirken würde. Wenn ein Wesen aus Angst an einer falschen Entscheidung festhält, erkennen Kinder den Konflikt, ohne dass ihnen erklärt werden muss, welche Lehre daraus folgt.
Fantasie schafft dabei keine Entfernung von der Wirklichkeit. Sie ermöglicht einen anderen Zugang zu ihr.
Klein bedeutet nicht unbedeutend
In unseren Maßstäben sind die Wesen winzig. Doch innerhalb ihrer Welt besitzen ihre Entscheidungen Gewicht.
Das war mir wichtig. Kinder erleben häufig, dass Erwachsene bestimmen, was wichtig ist. Ihre eigenen Beobachtungen, Sorgen oder Entdeckungen erscheinen daneben manchmal klein. In den Lio-Büchern kann gerade das Kleine den Unterschied ausmachen.
Ein übersehenes Geräusch. Eine Veränderung an einem Blatt. Eine Spur im Holz. Ein Wesen, dem zunächst niemand glaubt.
Lio nimmt solche Dinge wahr, weil er noch nicht gelernt hat, sie vorschnell als unwichtig abzutun.
Vielleicht funktionieren die kleinen Wesen deshalb so gut für Kinder: Sie bestätigen eine Erfahrung, die viele Kinder kennen. Nur weil etwas klein ist, heißt das nicht, dass es keine Bedeutung besitzt.
Eine Welt, die nicht vollständig erklärt wird
Ich möchte die Gemeinschaft in der Linde nicht bis in jede Einzelheit ausbuchstabieren. Natürlich braucht sie Regeln, Orte und eine Geschichte. Doch ein Teil davon darf verborgen bleiben.
Kinder sollen das Gefühl haben, dass hinter den bekannten Wesen noch andere leben könnten. Dass in einem bislang unbeachteten Ast eine weitere Behausung liegt. Dass die Linde älter ist als alles, was im Buch über sie erzählt wird.
Eine erfundene Welt wird nicht dadurch lebendig, dass man alles über sie weiß. Sie lebt durch das, was man ahnt.
Die kleinen Wesen in der alten Linde stehen deshalb für mich auch für den offenen Raum der Fantasie. Sie erinnern daran, dass die Welt größer sein kann als der sichtbare Ausschnitt.
Man muss nur bereit sein, genauer hinzusehen.

