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7-12 Jahre

Herr Munkel und das Malefirantokandelarium

Mein Buch: Herr Munkel und das Malefirantokandelarium von Benno Vorberg

7-12 Jahre

Herr Munkel und das Malefirantokandelarium

Herr Munkel ist überzeugt, ein finsterer Magier zu sein – und zwar ein ziemlich bedeutender. Leider haben seine Verwünschungen die unangenehme Angewohnheit, ganz anders zu wirken als geplant.

Als Frida seine neue Gehilfin wird, geraten Spielplätze, Enten, Fahrräder, ein Schreibwarenladen und schließlich die ganze Stadt in den Einfluss seiner dunklen Magie. Doch je mehr Herr Munkel sich um Unheil bemüht, desto häufiger geschieht etwas überraschend Gutes.

Ein spannendes und humorvolles Kinderbuch für Kinder zwischen 7 und 12 Jahren.

„Herr Munkel und das Malefirantokandelarium“ ist ein Kinderbuch, das seinen Reiz weniger aus klassischer Zauberfantasy zieht als aus der beständigen Reibung zwischen großem Anspruch und erstaunlich eigensinniger Wirklichkeit. Herr Munkel hält sich für einen finsteren Magier von beträchtlicher Bedeutung. Er trägt Schwarz, besitzt ein einschlägiges Zauberbuch, verfügt über sieben schwarze Kerzen und pflegt einen Auftritt, der keinen Zweifel daran lassen soll, dass mit ihm nicht zu spaßen ist. Nur: Seine Magie hält sich nicht zuverlässig an seine Absichten.

Schon darin liegt die komische Grundidee des Buches. Herr Munkel möchte Unheil stiften, doch seine Verwünschungen entwickeln eine bemerkenswerte Neigung, Probleme zu lösen, Dinge zu reparieren oder Menschen auf sehr unerwartete Weise zu helfen. Das Manuskript spielt dieses Prinzip nicht als bloße Aneinanderreihung von Pointen aus. Mit Spielplatz, Stadtteich, Schreibwarenladen, Fahrradwerkstatt und Schule entstehen vielmehr einzelne Episoden, die jeweils eine eigene kleine Geschichte bilden und zugleich die größere Handlung vorantreiben.

Der eigentliche Motor der Geschichte ist jedoch Frida. Sie begegnet Herrn Munkel mit einer Mischung aus Neugier, trockenem Verstand und einer geradezu gefährlichen Unbeeindrucktheit. Wo Herr Munkel große Worte macht, fragt Frida nach dem Praktischen. Wo er von „Finsternis“ spricht, interessiert sie sich dafür, wie die Arbeit aussieht und ob sie bezahlt wird. Schließlich wird sie – zunächst probeweise – seine Gehilfin.

Gerade diese Beziehung funktioniert außerordentlich gut. Frida ist nicht die klassische Kinderfigur, die einen wunderlichen Erwachsenen bewundert. Sie nimmt Herrn Munkel ernst, aber niemals ganz so ernst, wie er selbst es für angemessen hält. Dadurch entsteht ein Dialoghumor, der häufig aus wenigen Sätzen besteht und nicht erklärt werden muss. Herr Munkels Pathos trifft immer wieder auf Fridas nüchterne Logik. Selbst ein mächtiges Zauberbuch verliert etwas von seiner Bedrohlichkeit, wenn Herr Munkel darin bei dem Wort „erprobt“ eigenhändig ein Fragezeichen notiert und dies anschließend als „kritische Anmerkung“ verteidigt.

Auch die Nebenfiguren tragen viel zum Ton des Buches bei. Besonders Rodrigo, der ausgestopfte Rabe, dessen bevorzugter Beitrag zur Handlung aus dem Wort „Unheil!“ besteht, wird schnell zu einer Art running gag. Ähnliches gilt für die Enten, die sich Herrn Munkel mit einer Hartnäckigkeit anschließen, die seinen Anspruch auf finstere Würde regelmäßig unterläuft. Dabei entsteht der Humor nicht nur durch Slapstick, sondern durch Beobachtung: ein Mantel, der wichtiger genommen wird als sein Träger vielleicht zugeben möchte, ein Rabe, der zuverlässig in die falsche Richtung kippt, oder Enten, die offenbar eine eigene Meinung zu düsterer Magierkleidung besitzen.

Sprachlich setzt das Buch stark auf trockene Pointen, absurde Details und eine Erzählerstimme, die niemals zu sehr auf den Witz zeigt. Sätze wie die Bemerkung, ein Teich sei „Wasser, das beschlossen hat, an einem Ort zu bleiben“, zeigen sehr schön, wie die Welt des Buches funktioniert: Die Fantastik wird nicht ehrfürchtig inszeniert, sondern durch eine sehr konkrete, fast alltägliche Logik gebrochen.

Hinter dem Humor entwickelt sich zugleich eine zweite Ebene. Herr Munkel möchte gefürchtet werden. Er glaubt, nur so wahrgenommen und ernst genommen zu werden. Frida beginnt irgendwann vorsichtig die Frage zu stellen, ob Menschen ihn nicht auch bemerken könnten, ohne Angst vor ihm zu haben. Das Manuskript macht daraus keine Moralstunde. Der Gedanke entsteht vielmehr aus der Handlung selbst und aus der wachsenden Beziehung zwischen den beiden Figuren.

Der Titel „Malefirantokandelarium“ wirkt zunächst wie eine herrlich übertriebene Wortschöpfung aus genau jener Welt, in der schwarze Kerzen, finstere Bücher und übergroße Mantelkragen selbstverständlich sind. Im Verlauf der Geschichte bekommt dieses Wort jedoch eine Bedeutung, die über den bloßen Klang hinausgeht. Frida stößt in Herrn Munkels Zauberbuch auf einen Hinweis darauf – und damit auf ein Geheimnis, das sie zunächst für sich behält. Mehr sollte man darüber nicht verraten.

„Herr Munkel und das Malefirantokandelarium“ ist damit vor allem eine Geschichte über einen Mann, der unbedingt böse sein möchte und erstaunlich viel Mühe darauf verwendet, diesen Ruf zu verteidigen – während seine Umwelt zunehmend andere Schlüsse aus seinem Tun zieht. Das Buch lebt von diesem Widerspruch, von Fridas lakonischer Gegenwart und von einer Fantasiewelt, die ihre Magie nicht aus Drachen und großen Schlachten bezieht, sondern aus Bäckereien, Fahrrädern, Enten, klemmenden Türen und einem ausgestopften Raben.

Gerade das macht Herr Munkel zu einer ungewöhnlichen Kinderbuchfigur: Er ist weder klassischer Bösewicht noch heimlich vollkommen guter Zauberer. Er ist stolz, eitel, empfindlich, manchmal lächerlich, manchmal überraschend verletzlich – und deshalb deutlich interessanter als eine Figur, bei der von Anfang an feststeht, auf welcher Seite sie steht. Frida wiederum braucht ihn nicht zu bekehren. Sie beobachtet, fragt, widerspricht und überlässt einen erstaunlich großen Teil der Erkenntnis dem Leser.

Das Ergebnis ist ein humorvolles, eigenwilliges Kinderbuch mit viel Dialogwitz, einer starken Figurenkonstellation und einer Welt, in der selbst eine gründlich geplante Verwünschung niemals ganz sicher sein kann, ob sie sich tatsächlich an die Anweisungen hält.

Leseprobe:

Leseprobe

Drei Koffer und ein sehr beleidigter Rabe

Herr Munkel zog an einem Dienstag in das leerstehende Haus gegenüber der Fahrradwerkstatt ein.

Das war zunächst nichts Besonderes. Menschen zogen ständig irgendwo ein, meistens mit Kartons, einem Lieferwagen und mindestens einer Zimmerpflanze, die während der Fahrt schief geworden war. Herr Munkel kam jedoch ohne Lieferwagen und ohne Zimmerpflanze.

Dafür folgten ihm drei schwarze Koffer in einer ordentlichen Reihe.

Frida bemerkte sie, als sie vor der Werkstatt den Vorderreifen eines Kinderfahrrads aufpumpte. Das Fahrrad war rosa, hatte eine silberne Klingel und zwei Stützräder, von denen eines den Boden nicht berührte. Fridas Vater behauptete, das müsse so sein. Frida glaubte ihm nicht, hatte aber beschlossen, das später zu überprüfen.

Sie hielt mitten im Pumpen inne.

Der Mann, dem die Koffer folgten, war lang und dünn und vollständig schwarz gekleidet. Sein Mantel reichte beinahe bis zum Pflaster. Der Kragen stand hoch um seinen Kopf und bewegte sich im Wind, obwohl der übrige Mantel still blieb.

Frida ließ den Griff der Luftpumpe langsam nach unten sinken.

„Papa?“

Aus der Werkstatt kam ein metallisches Klappern.

„Hm?“

„Da laufen Koffer.“

„Dann lauf ihnen nicht hinterher.“

Fridas Vater lag unter einem Lastenrad. Von ihm waren nur die Schuhe und eine Hand zu sehen, die nach einem Schraubenschlüssel tastete.

„Ich laufe nicht“, sagte Frida. „Die Koffer laufen.“

Ihr Vater fand den Schraubenschlüssel, zog die Hand zurück und antwortete:

„Koffer laufen nicht.“

Frida sah wieder auf die Straße.

Der Mann ging mit langen, gemessenen Schritten auf das leer stehende Haus zu. Die drei Koffer rollten hinter ihm her, hielten denselben Abstand und wichen sogar einer Pfütze aus.

„Dann können diese hier sehr überzeugend so tun.“

Ihr Vater schob sich ein Stück unter dem Lastenrad hervor. Er sah über die Straße, blinzelte und schob sich wieder zurück.

„Vielleicht zieht er sie mit dünnen Schnüren.“

„Ich sehe keine.“

„Sehr dünne Schnüre.“

Frida legte die Luftpumpe neben das rosa Fahrrad.

„Ich sehe nach.“

„Du bleibst hier.“

„Ich bleibe in Sichtweite.“

Das war nicht genau dasselbe, aber ihr Vater war bereits wieder unter dem Lastenrad verschwunden und konnte den Unterschied deshalb nicht sofort beanstanden.

Vor dem leer stehenden Haus blieb der fremde Mann stehen. Über der Tür hing noch immer das verblichene Schild der früheren Bewohner:

Willkommen

Der Mann betrachtete es, als habe es ihn persönlich beleidigt.

Dann hob er zwei Finger.

Das Schild drehte sich um.

Auf seiner Rückseite stand nichts.

Der Mann nickte zufrieden.

Die drei Koffer stellten sich hinter ihm auf. Der erste war groß, der zweite etwas kleiner, der dritte schmal und hoch. Alle waren aus schwarzem Leder und hatten silberne Schnallen.

Ein vierter Koffer stand noch am Bordstein.

Er war breiter als die anderen und offenbar weniger bereit, an diesem Umzug teilzunehmen.

Der Mann drehte sich zu ihm um.

Der Koffer blieb stehen.

Der Mann hob erneut zwei Finger.

Der Koffer machte einen kurzen Ruck, rollte einen halben Meter vorwärts und blieb wieder stehen.

Frida trat bis an den Rand des Gehwegs.

Der Mann hob nun die ganze Hand. Sein Mantelkragen zitterte. Ein trockener Windstoß fuhr durch die Straße, wirbelte drei Blätter hoch und legte sie ordentlich nebeneinander auf einen Gullydeckel.

Der Koffer setzte sich in Bewegung.

Er rollte geradewegs auf die Bordsteinkante zu, stieß dagegen und kippte mit einem dumpfen Schlag auf die Seite.

Seine Schnallen sprangen auf.

Der Deckel flog hoch.

Etwas Schwarzes schoss heraus.

„Unheil!“, krächzte es.

Frida machte einen Schritt zurück.

Das schwarze Ding beschrieb einen kurzen, wenig würdevollen Bogen, prallte gegen eine Mülltonne und landete auf dem Rücken.

Es war ein Rabe.

Ein ausgestopfter Rabe.

Er lag auf dem Pflaster, den Schnabel geöffnet, die Glasaugen zum Himmel gerichtet und die Flügel so eng an den Körper gepresst, als sei er selbst mit dem Ergebnis unzufrieden.

Der fremde Mann stand reglos vor dem offenen Koffer.

Dann hob er langsam beide Arme.

„Wer“, rief er, „hat den Wächter des nahenden Verderbens zu Fall gebracht?“

Seine Stimme war tief und hallte zwischen den Häusern.

Zwei Tauben flatterten vom Dach. In der Werkstatt fiel etwas um.

Frida sah vom Raben zum Koffer.

„Der Bordstein.“

Der Mann drehte den Kopf.

Da sein Kragen nicht mitdrehte, musste er den restlichen Körper ein Stück nachholen.

„Wer hat das gesagt?“

Frida hob die Hand.

„Ich.“

„Frida!“, rief ihr Vater aus der Werkstatt. „Lass den Mann in Ruhe!“

„Ich lasse ihn in Ruhe“, rief Frida zurück. „Sein Rabe liegt auf der Straße.“

Der Fremde musterte sie.

„Keinen Schritt weiter“, sagte der Mann.

Frida machte noch einen, weil sie sonst mit einem Fuß auf der Fahrbahn gestanden hätte.

„Du befindest dich in unmittelbarer Nähe eines Gegenstandes von unergründlicher Finsternis.“

Frida beugte sich über den offenen Koffer.

Darin lagen schwarze Kerzen, mehrere kleine Flaschen, ein silberner Kelch, ein zusammengerolltes Seil, zwei Paar Socken und eine Tüte schwarzer Bonbons.

„Die Finsternis ist ziemlich voll.“

Aus: „Herr Munkel und das Malefirantokandelarium“ von Benno Vorberg