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Fantasie darf alles. Die Lüge nicht.

Benno Vorberg - Weblog Kinderbuch-Autor

Es gibt einen Unterschied, über den in der Kinderliteratur meiner Ansicht nach viel zu selten gesprochen wird: den Unterschied zwischen Fantasie und Lüge.

Dabei scheint er zunächst ganz einfach zu sein.

Wenn in einem Kinderbuch ein Fuchs spricht, ein Baum denkt oder kleine Wesen unter einer alten Linde leben, weiß jedes Kind, dass es sich um eine erfundene Geschichte handelt. Niemand behauptet, diese Dinge seien Tatsachen. Autor und Leser treffen vielmehr eine stille Vereinbarung: Für die Dauer der Geschichte tun wir so, als wäre das möglich.

Das ist Fantasie.

Und Fantasie halte ich für etwas Kostbares.

Sie erlaubt Kindern, Gedanken auszuprobieren, ohne dass daraus sofort eine Wahrheit werden muss. Sie schafft Räume, in denen Ängste eine Gestalt bekommen können, in denen Mut sichtbar wird und in denen etwas Unmögliches manchmal hilft, etwas sehr Wirkliches zu verstehen.

Ein Kind kann einen Stock in der Hand halten und wissen, dass es ein Stock ist. Gleichzeitig kann es ein Schwert sein.

Beides widerspricht sich für ein Kind nicht.

Genau darin liegt die große Freiheit der Fantasie.

Schwieriger wird es für mich dort, wo Erwachsene diese Freiheit benutzen, um Kindern ihre eigenen Gewissheiten unterzuschieben.

Dann wird aus einer Geschichte plötzlich eine Botschaft.

Die Welt ist so.

Die Zukunft wird so.

Diese Menschen haben recht.

Jene liegen falsch.

Davor musst du Angst haben.

Und dafür bist auch du verantwortlich.

An diesem Punkt beginnt für mich etwas, das mit Fantasie nur noch wenig zu tun hat.

Ich nenne es die Lüge.

Nicht deshalb, weil jede gesellschaftliche oder politische Aussage in einem Kinderbuch falsch wäre. Natürlich nicht. Kinderliteratur darf sich mit Krieg beschäftigen, mit Armut, mit Umweltzerstörung, mit Tod, mit Ausgrenzung oder Ungerechtigkeit.

Kinder leben schließlich nicht außerhalb unserer Welt.

Aber es ist ein Unterschied, ob wir ihnen diese Welt zeigen oder ob wir ihnen unsere Interpretation dieser Welt als unumstößliche Wahrheit präsentieren.

Dieser Unterschied ist für mich entscheidend.

Kinder müssen nicht die Ängste der Erwachsenen tragen.

Sie müssen auch nicht die Aufgaben übernehmen, die wir Erwachsenen bisher nicht lösen konnten.

Wenn wir einem achtjährigen Kind erklären, dass die Zukunft der Erde von seinem Verhalten abhängt, dann sollten wir uns zumindest fragen, welche Last wir ihm damit auf die Schultern legen.

Kinder dürfen Verantwortung lernen.

Aber Verantwortung ist etwas anderes als Schuld.

Sie dürfen verstehen, dass unser Verhalten Folgen hat. Sie dürfen erfahren, dass Natur geschützt werden muss, dass Menschen unterschiedlich leben, dass Gesellschaft nicht immer gerecht ist.

Doch daraus folgt nicht, dass wir ihnen unsere Angst vor der Zukunft übergeben dürfen.

Manchmal habe ich den Eindruck, wir Erwachsenen benutzen Kinder, um unsere eigenen moralischen Vorstellungen zu verlängern.

Dann wird das Kinderbuch nicht mehr zu einem Raum des Entdeckens.

Es wird zu einem Transportmittel.

Das halte ich für problematisch.

Denn Kinder sind empfänglich für Geschichten. Vielleicht stärker als Erwachsene.

Eine Geschichte kommt nicht als Gesetz daher. Sie trägt keine Überschrift mit dem Wort „Weltanschauung“. Sie beginnt mit Figuren, Bildern, Abenteuern und Gefühlen.

Gerade deshalb besitzt sie Macht.

Und gerade deshalb tragen Kinderbuchautoren eine besondere Verantwortung.

Ich möchte diese Macht nicht dazu benutzen, einem Kind zu sagen, was es denken soll.

Ich möchte ihm etwas erzählen, das es zum Denken bringt.

Das ist für mich ein großer Unterschied.

Eine Geschichte darf beunruhigen. Sie darf widersprechen. Sie darf auch Angst auslösen, wenn diese Angst Teil einer ehrlichen Erzählung ist.

Aber sie sollte dem Kind immer einen Ausgang lassen.

Nicht unbedingt einen glücklichen.

Aber einen eigenen.

Vielleicht könnte man den Unterschied so formulieren:

Fantasie sagt: Stell dir vor.

Ideologie sagt: So ist es.

Fantasie öffnet eine Tür.

Ideologie schließt sie.

Als Kinderbuchautor interessiert mich deshalb nicht, ob meine Leser am Ende meiner Meinung sind.

Im Gegenteil.

Ich würde mich freuen, wenn ein Kind nach einer Geschichte eine Frage stellt, auf die ich selbst keine einfache Antwort habe.

Vielleicht schaut es einen Baum anders an.

Vielleicht denkt es darüber nach, warum Menschen Dinge zerstören, die sie eigentlich brauchen.

Vielleicht fragt es sich, weshalb jemand ein bestimmtes Wort benutzt.

Vielleicht widerspricht es einer Figur.

Vielleicht widerspricht es sogar mir.

Dann hat die Geschichte etwas erreicht.

Denn Kinderliteratur sollte Kindern nicht beibringen, welche Meinung sie haben sollen.

Sie sollte ihnen helfen, eine eigene zu entwickeln.

Deshalb darf Fantasie in meinen Augen beinahe alles.

Sie darf erfinden, übertreiben, verzaubern, erschrecken und ganze Welten auf den Kopf stellen.

Nur eines sollte sie nicht tun:

so tun, als wäre die Weltanschauung des Autors die Wahrheit des Kindes.

Kinder sind keine Empfänger für unsere Ängste.

Sie sind auch keine Leinwand für unsere politischen Wünsche.

Sie sind Menschen, die gerade beginnen, die Welt zu entdecken.

Und vielleicht besteht unsere wichtigste Aufgabe als Kinderbuchautoren manchmal darin, ihnen dabei nicht im Weg zu stehen.

Lesebrief - Benno Vorberg

Neue Geschichten, Gedanken über Kinderbücher und Sprache, Einblicke in die Arbeit von Benno Vorberg sowie gelegentliche Leseproben und Materialien für Eltern und Lehrkräfte.

Der Lesebrief erscheint in unregelmäßigen Abständen, gewöhnlich etwa einmal im Monat.