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Warum erfundene Geschichten manchmal wahrer sind als wahre Geschichten

Benno Vorberg - Weblog Kinderbuch-Autor

Ich habe mich oft gefragt, warum Kinder auf Geschichten reagieren, von denen sie ganz genau wissen, dass sie nicht wahr sind.

Sie wissen, dass kleine Wesen nicht wirklich unter einer alten Linde wohnen. Sie wissen, dass Wörter nicht einfach verschwinden, dass es keine Bibliothek gibt, in der ungelebte Geschichten in Regalen warten, und vermutlich wissen sie auch, dass ein Baum nicht heimlich beobachtet, wer unter seinen Zweigen vorbeigeht.

Und trotzdem glauben sie einer guten Geschichte.

Vielleicht liegt genau darin ein Missverständnis, das wir Erwachsenen gelegentlich haben: Wir setzen Wahrheit zu schnell mit Wirklichkeit gleich.

Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen beidem.

Wenn ich schreibe, dass unter einer alten Linde kleine Wesen leben, ist das keine Tatsachenbehauptung. Niemand wird dort eine Tür finden, wenn er nur lange genug zwischen den Wurzeln sucht.

Aber vielleicht schaut ein Kind danach anders auf diesen Baum.

Vielleicht sieht es nicht mehr nur Stamm, Äste und Blätter. Vielleicht bemerkt es plötzlich das Moos an der Rinde, die Käfer zwischen den Wurzeln, das trockene Laub darunter. Vielleicht fragt es sich, was dort lebt, was wir normalerweise übersehen.

Dann hat eine erfundene Geschichte etwas Wirkliches verändert.

Nicht den Baum.

Den Blick auf ihn.

Für mich beginnt genau dort Literatur.

Kinder besitzen eine erstaunliche Fähigkeit, verschiedene Wirklichkeiten nebeneinander bestehen zu lassen. Ein Stock kann ein Schwert sein und gleichzeitig ein Stock bleiben. Ein Gebüsch kann eine Burg sein, ohne aufzuhören, ein Gebüsch zu sein. Ein dunkler Keller ist vielleicht nur ein Keller – und möglicherweise doch der Ort, an dem etwas wartet.

Erwachsene nennen das Fantasie.

Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Wort ausreicht.

Denn Fantasie bedeutet für Kinder nicht unbedingt, dass sie der Wirklichkeit entkommen. Häufig nähern sie sich ihr auf diese Weise erst an.

Auch schwierige Dinge lassen sich manchmal besser verstehen, wenn sie zunächst eine andere Gestalt bekommen.

Angst muss nicht Angst heißen. Sie kann ein Geräusch hinter einer Tür sein.

Verlust kann ein verschwundenes Wort sein.

Einsamkeit kann eine Geschichte sein, die niemand lesen möchte.

Und Mut muss nicht darin bestehen, einen Drachen zu besiegen. Vielleicht reicht es, eine Tür zu öffnen, obwohl man nicht weiß, was dahinter liegt.

Als Autor von Kinderbüchern interessiert mich deshalb weniger die Frage, ob eine Geschichte realistisch ist.

Mich interessiert, ob sie wahrhaftig ist.

Ob Kinder darin etwas erkennen können, das sie kennen: eine Unsicherheit, eine Freude, einen Streit, eine Ungerechtigkeit, eine Freundschaft. Vielleicht auch nur dieses schwer zu beschreibende Gefühl, dass mit der Welt manchmal etwas nicht ganz stimmt.

Kinder merken erstaunlich schnell, wenn Geschichten ihnen etwas vorspielen.

Eine vollkommen heile Welt ist deshalb nicht automatisch eine kindgerechte Welt.

Kinder erleben Streit. Sie erleben Enttäuschungen. Sie merken, wenn Erwachsene sich irren. Sie kennen Neid, Angst und Wut genauso wie Begeisterung und Geborgenheit.

Eine Geschichte muss ihnen diese Dinge nicht ersparen.

Sie sollte ihnen nur Raum lassen.

Raum zum Entdecken, zum Nachdenken und manchmal auch zum Widersprechen.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Stärke erfundener Geschichten.

Sie behaupten nicht: So ist die Welt.

Sie sagen: Stell dir vor, sie wäre so.

Und plötzlich entsteht ein kleiner Abstand zur Wirklichkeit. Gerade groß genug, um sie betrachten zu können.

Das ist einer der Gründe, warum ich fantastische Elemente in meinen Geschichten so gern verwende. Nicht, weil ich Kinder aus ihrer Welt herausführen möchte.

Im Gegenteil.

Ich möchte sie auf einem kleinen Umweg wieder dorthin zurückbringen.

Vielleicht schauen sie danach genauer hin.

Vielleicht stellen sie eine Frage, die ihnen vorher nicht eingefallen wäre.

Vielleicht entdecken sie etwas, das Erwachsene längst übersehen.

Und vielleicht ist eine erfundene Geschichte gerade deshalb manchmal wahrer als eine wahre.

Nicht weil sie erzählt, was geschehen ist.

Sondern weil sie zeigen kann, was geschehen könnte – in einem Menschen, zwischen zwei Menschen oder in unserem Blick auf die Welt.

Lesebrief - Benno Vorberg

Neue Geschichten, Gedanken über Kinderbücher und Sprache, Einblicke in die Arbeit von Benno Vorberg sowie gelegentliche Leseproben und Materialien für Eltern und Lehrkräfte.

Der Lesebrief erscheint in unregelmäßigen Abständen, gewöhnlich etwa einmal im Monat.