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Warum Kinderbücher zu Weihnacht vielleicht das schönste Geschenk sind

Benno Vorberg - Weblog Kinderbuch-Autor
Benno Vorberg wünscht allen Lesern & Kinder eine angenehme Vorweihnachtszeit

Wenn ich an Weihnachten denke, dann denke ich nicht zuerst an Geschenkpapier, Schleifen oder den großen Stapel unter dem Baum. Ich denke an diese besondere Ruhe, die manchmal erst eintritt, wenn der größte Trubel vorbei ist.

Wenn jemand eine Tasse in der Hand hält, ein Kind auf dem Teppich sitzt, draußen vielleicht Regen gegen das Fenster schlägt oder tatsächlich einmal Schnee fällt, und für einen Moment nichts erledigt werden muss.

Genau in solchen Momenten beginnt für mich das, was Bücher so besonders macht.

Ein Kinderbuch ist zunächst ein Gegenstand. Papier, Einband, Farbe, vielleicht ein Bild auf dem Umschlag. Man kann es einpacken, unter den Weihnachtsbaum legen und mit einer Schleife versehen. Doch eigentlich schenkt man damit etwas, das sich gar nicht einpacken lässt: Zeit, Bilder im Kopf, fremde Welten, Fragen, vielleicht auch Trost. Manchmal schenkt man sogar eine Erinnerung, von der man beim Überreichen noch gar nicht wissen kann, dass sie einmal bleiben wird.

Viele Erwachsene erinnern sich nicht daran, was sie mit acht oder neun Jahren zu Weihnachten an Kleidung, Spielzeug oder technischen Dingen bekommen haben. Aber erstaunlich viele erinnern sich an ein Buch. Nicht immer an den genauen Titel, doch an das Gefühl beim Lesen, an eine Figur, an einen bestimmten Ort in der Geschichte oder an die Stimme von Mutter, Vater, Großmutter oder Großvater, die abends vorgelesen hat.

Vielleicht liegt darin der eigentliche Wert eines Buches.

Lesen verlangt Zeit. Das klingt heute beinahe wie ein Nachteil, ist aber in Wahrheit einer seiner großen Vorzüge. Ein Buch blinkt nicht, ruft nicht nach Aufmerksamkeit und versucht nicht, innerhalb weniger Sekunden einen neuen Reiz zu liefern. Es wartet. Das Kind bestimmt das Tempo. Es darf einen Satz zweimal lesen, eine Seite zurückblättern, ein Bild länger anschauen oder mitten im Kapitel aufhören, weil etwas anderes gerade wichtiger ist.

Eine Geschichte drängt sich nicht auf. Sie öffnet eine Tür.

Und was hinter dieser Tür entsteht, gehört dem Kind.

Wenn ich Kinderbücher schreibe, denke ich deshalb weniger darüber nach, was ein Kind aus einer Geschichte „lernen soll“. Ich halte nicht viel von Büchern, die sich als Geschichten verkleiden und eigentlich Unterricht sein möchten. Kinder merken das sehr schnell. Eine Geschichte sollte zuerst eine Geschichte sein. Sie darf spannend sein, lustig, merkwürdig, traurig, ein wenig unheimlich oder vollkommen verrückt. Wenn dabei etwas über Mut, Freundschaft, Sprache oder das Leben sichtbar wird, umso besser. Aber es sollte aus dem Erleben der Figuren entstehen und nicht aus einem erhobenen Zeigefinger.

Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb die Figuren meiner Bücher so verschieden geworden sind.

In „Der Keller der verschwundenen Wörter“ geht es um Sprache und darum, was geschieht, wenn Wörter fehlen. Das klingt zunächst vielleicht nach einem Thema für den Deutschunterricht. Für mich ist es etwas anderes. Wörter sind Werkzeuge, aber sie sind auch Schutz. Wer sagen kann, was ihn beschäftigt, was weh tut, was er möchte oder wovor er Angst hat, ist weniger ausgeliefert. Doch Kinder sollen das nicht als Lektion lesen. Sie sollen mit den Figuren in einen geheimnisvollen Keller steigen und entdecken wollen, was dort vor sich geht.

„Die Bibliothek der ungelebten Geschichten“ führt diese Welt weiter, aber auf eine andere Weise. Mich hat dabei die Vorstellung beschäftigt, dass Geschichten nicht nur aus dem bestehen, was tatsächlich geschieht. Jeder Mensch trägt Möglichkeiten mit sich herum, Dinge, die er hätte tun können, Entscheidungen, die anders hätten ausfallen können, Wünsche, die vielleicht niemand kennt. Für Kinder ist das keine philosophische Theorie. Für sie kann es eine Bibliothek sein, in der Geschichten darauf warten, entdeckt zu werden.

Bei „Lio und das Geheimnis der alten Linde“ steht dagegen die Natur stärker im Mittelpunkt. Eine alte Linde kann für einen Erwachsenen einfach ein großer Baum sein. Für ein Kind kann sie ein ganzer Kosmos werden. In ihren Ästen, ihrer Rinde, ihren Höhlen und Schatten kann sich eine Welt verbergen, die nur sichtbar wird, wenn man genau genug hinsieht. Ich mag diesen Gedanken, weil Kinder ihn meist viel weniger seltsam finden als Erwachsene. Sie haben sich die Fähigkeit noch bewahrt, einem Baum mehr zuzutrauen als nur Blätter und Holz.

Und dann gibt es Herrn Munkel.

„Herr Munkel und das Malefirantokandelarium“ ist sicherlich das komischste meiner Kinderbücher. Herr Munkel möchte unbedingt ein finsterer Magier sein, aber seine Zauberei entwickelt eine bedauerliche Neigung, nützliche Dinge zu bewirken. Das ist für ihn selbstverständlich eine Katastrophe. Frida, seine junge Nachbarin, betrachtet die Sache wesentlich nüchterner. Zwischen einem ausgestopften Raben, eigensinnigen Enten, schwarzen Kerzen und misslungenen Verwünschungen entsteht eine Geschichte, in der das Scheitern vielleicht interessanter ist als der Erfolg.

Diese vier Bücher sind sehr unterschiedlich, und doch haben sie für mich etwas Gemeinsames. Sie nehmen Kinder ernst, ohne deshalb dauernd ernst zu sein.

Gerade zu Weihnachten scheint mir das wichtig.

Eltern und Großeltern suchen häufig nach einem Geschenk, das einem Kind wirklich etwas gibt. Dabei entsteht schnell der Gedanke, ein Geschenk müsse möglichst groß, möglichst neu oder möglichst spektakulär sein. Ein Buch kann daneben beinahe bescheiden wirken. Es macht kein Geräusch, wenn man die Verpackung entfernt. Es fährt nicht durchs Wohnzimmer und besitzt keine blinkenden Lichter.

Aber vielleicht beginnt seine eigentliche Wirkung auch erst später.

Vielleicht am ersten Feiertag, wenn etwas Ruhe eingekehrt ist. Vielleicht eine Woche später im Bett. Vielleicht Monate später, wenn das Kind das Buch noch einmal aus dem Regal nimmt. Manche Bücher werden zerlesen, bekommen Flecken, Eselsohren oder einen Knick im Einband. Ich finde das nicht schlimm. Ein vollkommen unberührtes Kinderbuch ist zwar schön anzusehen, aber ein Buch, das oft gelesen wurde, hat etwas erlebt.

Besonders schön finde ich Bücher als Geschenk von Großeltern. Vielleicht deshalb, weil zwischen Großeltern und Enkeln häufig eine andere Art von Zeit existiert. Wenn ein Großvater ein Buch verschenkt, das er später selbst vorliest, schenkt er nicht nur die Geschichte. Er schenkt seine Stimme dazu. Eine Großmutter, die mit einem Kind über eine Figur spricht oder sich erzählen lässt, wie die Geschichte weitergehen könnte, wird plötzlich selbst Teil dieses Buches.

Solche Dinge lassen sich nicht bestellen und nicht in Geschenkpapier wickeln.

Natürlich wird nicht jedes Kind jedes Buch lieben. Das muss auch gar nicht sein. Erwachsene mögen schließlich ebenfalls nicht dieselben Geschichten. Manche Kinder möchten Abenteuer, andere Humor, andere Tiere, Geheimnisse oder fantastische Welten. Das richtige Buch ist nicht unbedingt das pädagogisch wertvollste oder dasjenige, das gerade auf irgendeiner Liste steht. Es ist das Buch, bei dem ein Kind freiwillig wissen möchte, wie es weitergeht.

Wenn das geschieht, hat Lesen gewonnen.

Vielleicht ist deshalb mein Weihnachtswunsch als Kinderbuchautor ziemlich einfach: Schenken wir Kindern Geschichten. Nicht, weil Bücher vernünftige Geschenke sind. Nicht, weil Lesen wichtig für die Schule ist. Nicht einmal, weil ein Buch länger hält als manches Spielzeug.

Sondern weil Geschichten einen Raum öffnen, den niemand außer dem Kind selbst betreten kann.

Und vielleicht sitzt irgendwann viele Jahre später ein erwachsener Mensch an einem Weihnachtsabend da und erinnert sich plötzlich an eine alte Linde, einen geheimnisvollen Keller, eine seltsame Bibliothek oder einen finsteren Magier, dessen Flüche einfach nicht so funktionierten, wie er es wollte.

Dann war dieses kleine Paket unter dem Weihnachtsbaum vielleicht doch größer, als es damals aussah.

Lesebrief - Benno Vorberg

Neue Geschichten, Gedanken über Kinderbücher und Sprache, Einblicke in die Arbeit von Benno Vorberg sowie gelegentliche Leseproben und Materialien für Eltern und Lehrkräfte.

Der Lesebrief erscheint in unregelmäßigen Abständen, gewöhnlich etwa einmal im Monat.